Irgendwas dazwischen

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Gestern war ich auf dem „Großen Tag der jungen Münchner Literatur“, um zu sehen, wie es so um die junge deutschsprachige Literatur steht. Die Autorinnen und Autoren – niemand ist älter als 35 – gehen das Schreiben durchaus ernsthaft und schlau an: Sie bauen Fremdwörter und Aha-Fakten aus ihrem Studium in die Texte ein, reihen eine Vielzahl kühner, surrealistischer Metaphern aneinander oder schreiben über Alltagsthemen, bei denen sich alle einig sind (etwa die morgendliche Trübsal in der U-Bahn). Zwischen diesen beiden Polen – hermetische Verrätselung und nüchterne Alltagsbeschreibung – findet sich meiner Meinung nach nicht mehr viel. Man würde den verrätselten Texten mehr Offenheit und Stringenz, den Alltagstexten dagegen mehr Rätsel wünschen.
Nur bei einem Text muss ich aufhorchen, glaube, dieses „Dazwischen“ zu hören: Es handelt sich um Max Scharniggs Roman „Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau“. Er erzählt von der Welt des Jasper Honigbrod, der auf einem einsamen Hof in der Provinz aufwächst. Schon das erste Kapitel, in dem der Vater Jasper eine „Gutenmorgengeschichte“ erzählt, zeigt, wie geschickt Max Scharnigg Wirklichkeit und Rätsel, Lakonie und Metapher miteinander verbindet:

„Dann begab er sich in seine bevorzugte Erzählposition, in der er mit halb geschlossenen Augen aus dem Fenster über meinem Kopf sah, und setzte meine Gutenmorgengeschichte an der Stelle fort, wo er sie gestern beschlossen hatte. Es war ein endloses Fortsetzungsabenteuer, in dem es Wünsch-Eimer gab und in dem die Menschen in Elefantenhäusern wohnten. Die Geschichte hatte schon damals ein unübersichtlich großes Personenregister. Mein Vater achtete über die Jahre darauf, dass keine der Figuren verlorenging, und ließ sie stets wieder auftauchen, wenn ich sie gerade vergessen hatte. Dann dichtete er ihnen eine Ausrede für das lange Verschwinden an, und es kam zu den schönsten Wiedersehen […] Wenn ich allerdings, das kam selten vor, mitten in der Geschichte abermals einschlief, erzählte er weiter und dachte nicht daran, die Fehlstellen zu erläutern. Deswegen gewöhnte ich mir an, so schnell wie möglich wach zu werden, und entwickelte darin über die Jahre eine Übung, die mich heute schon beim ersten Wimpernschlag Herr aller Sinne sein lässt.“

Jasper muss sich aber nicht nur mit seinem Vater herumschlagen, der bei allen Menschen sein „Universitätsniveau“ voraussetzt, sondern auch mit einem Waisenkind, das von der Familie aufgenommen wird – und später natürlich mit der ersten Liebe.
Schöne Lektüre für die letzten Schneetage!

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