Schönes Scheitern

Migrant workers use a simple term for the move that defines their lives: chuqu, to go out. There was nothing to do at home, so I went out. This is how a migrant story begins.

Nicht nur eine, sondern mindestens vier Geschichten erzählt Leslie T. Chang in ihrem dokumentarischen Roman Factory Girls. Es sind Geschichten von jungen Chinesinnen, die als Wanderarbeiterinnen in den Süden gehen. Dorthin, wo Chinas Exportwarenindustrie boomt, wo die Städte Industrieparks gleichen und wo auch um 8 Uhr abends in den Fabriken noch nicht das Licht gelöscht wird. Die „Königin“ dieser Städte ist Dongguan, laut Wikipedia „die produktivste Stadt Chinas“:

The best way to understand the city of Dongguan is to walk it. Bank headquarters of mirrored glass tower over street-side shops selling motorcycle parts and plastic pipes and dental services. Roads are ten lanes wide, high-speed highways in place of city streets. Migrants walk along the shoulders carrying suitcases or bedding, while buses and trucks bear down from behind…. No one is sure how many people live here. Dongguan has 1.7 million local residents and almost seven million migrants, but few people believe these official figures… Dongguan is unfinished, a city where everything is in the process of becoming something else…

Auch die Frauen im Buch sind ständig dabei, sich zu verändern, eine neue Firma zu suchen, eine neue Geschäftsidee zu verwirklichen, einen neuen Mann zu suchen. Da ist zum Beispiel Chunming, die mit 17 zum ersten Mal „weggehen“ muss und von „Totenpagoden“ bis hin zu pseudo-veganen Gesundheitskapseln jedem Geschäftstrend folgt. Oder Jiang, die denkt, dass sie ihr Leben in den Griff bekommt, wenn sie nur jeden Tag 50 englische Vokabeln lernt. Leslie Chang geht dabei genau auf die einzelnen Schicksale ein, lässt die Frauen selbst zu Wort kommen oder fügt Ausschnitte aus Tagebüchern ein. Sie hat verstanden, dass Details wichtig sind, damit ein lebendiges Gesamtbild entsteht – und so verkommt das Buch nicht zur trockenen Gesellschaftsstudie.
Die Männer, die Chang in ihrem Roman beschreibt, kommen dagegen schlechter weg: sie sind gierig, naiv und betrügerisch. So berichtet sie über einen chinesischen Erfolgsautor, der mit seinem Selbsthilfebuch Square and Round einen Bestseller landet:

Square and Round was a perversion of an American self-help book. … It did not try to change its readers. Instead it taught them how to do better what they already knew so well: pettiness, materialism, envy, competition, flattery, and subterfuge. Square and Round was the literary equivalent of standing on a Dongguan street corner and preaching the merits of copyright violation… Square and Round was essentially a point-by-point rejection of the virtues Chinese tradition had preached for two thousand years.

Wenn man sich an diesem Punkt noch nicht fragt, ob die chinesische Gesellschaft noch zu retten ist, tut man es spätestens dann, wenn die Methoden moderner chinesischer Lehrer und Dozenten geschildert werden:

The guiding principle of Mr Wu’s School was that treating people like machines was the key to mastering English… [A] student sat at a machine while columns of English words rotated past. The student read aloud each word and wrote it down without knowing what it meant, week after week, until he attained the highest speed. … His ideal student worked eleven hours a day… that was the exact schedule of the Dongguan factory.

„Factory Girls“ ist ein Buch übers Scheitern. Über das Scheitern von Plänen, die an der Realität zerbrechen, Beziehungen, die in der modernen Welt keinen Bestand haben, jahrtausendelangen Idealen, die von einem Selbsthilfebuch verdrängt werden. Ich bin nicht glücklich darüber. Aber ich bin glücklich darüber, auf ein Buch gestoßen zu sein, das mir das Scheitern so schön erklärt.

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