Heimat wie noch nie

Wer einmal eine deutsche Serie sehen will, die es mit den englischen und amerikanischen Pendants aufnehmen kann, muss ein wenig weiter in der Zeit zurückgehen: Schon im Jahr 1981 begann Edgar Reitz mit dem Dreh seiner epischen „Heimat“-Filmreihe. Darin dreht sich alles um das kleine Örtchen Schabbach und seine Entwicklung durch die Jahrzehnte.

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Maria Simon

Und es ist kaum zu glauben, wie viele Schicksale allein dieses kleine Hunsrückdorf beherbergt. Da ist Maria, die Tochter des Bürgermeisters, die in den 20er Jahren Paul heiratet, der wenig später nach Amerika verschwindet. Da sind Marias Kinder, Anton und Ernst, die ohne Vater aufwachsen müssen und die es letztlich dem Krieg verdanken, dass sie aus der Schabbacher Einöde ausbrechen und die Luft der großen weiten Welt einatmen können. Oder der kleinste Sohn Hermann, der sich mit 18 Jahren selbst aufmacht, um einen Zug dieser Luft tun zu können. Heimat ist für Edgar Reitz ein dehnbarer Begriff, und so müssen alle Protagonisten ihre wahre Heimat im Laufe ihres Lebens selbst finden, mag sie auch noch so weit weg sein.

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Maria mit Paul, der aus Amerika zu Besuch ist

Von den geschichtlichen Begebenheiten bekommt der Zuschauer natürlich auch etwas mit, wenn auch nur kleine Ausschnitte – das ganze Weltgeschehen wird von der Warte des kleinen Dorfes aus betrachtet. Es sind immer nur einzelne Versatzstücke der „Wirklichkeit“, die in Schabbach auftauchen – etwa ein abgestürztes Flugzeug im nahen Wald, das vom Wüten des Weltkriegs kündet, oder die beiden Amerikaner, die eines Tages vor der Tür der Familie Simon stehen, als Indiz für das Ende des Krieges.

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In der guten Stube

Doch die Charaktere selbst bleiben nicht unversehrt von der Geschichte, viele wirken wie ein genaues Abbild ihrer Zeit, ohne dabei schablonenhaft zu werden. Das ist Edgar Reitz‘ Talent zu verdanken, der den Charakteren Tiefe gibt und sie Entwicklungen durchmachen lässt – zum Beispiel Anton, der in den ersten paar Folgen als schüchterner, sanfter Junge am Rockzipfel seiner Mutter hängt und als Erwachsener den großen Patriarchen spielt, sogar die Liebesbeziehung zwischen Hermann und einer doppelt so alten Frau auffliegen lässt und ihn damit in tiefes Unglück stürzt. Zusätzliche Tiefe wird den Figuren durch das Wissen verliehen, dass sie Teil einer Ahnenlinie sind – die Geschichte der Familie Simon im 19. Jahrhundert erzählt Reitz im Film „Die andere Heimat“ – und möglicherweise die gleichen Sorgen wie ihre Ahnen haben, die gleichen Fehler machen (Hier könnte man wunderbar auf Spurensuche gehen!).

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Hermann und seine Geliebte

Selbst wenn sich manche Charaktere naiv, unvernünftig, opportunistisch aufführen, rühren sie einen, und man muss sich in keiner Sekunde fremdschämen wie in so vielen anderen deutschen Serien. Und ihnen fehlt auch dieses merkwürdig Verkrampfte, das man aus deutschen Filmen kennt. So folgt man den Figuren gern die ganze erste Staffel „Heimat 1“ hindurch. Und wenn man dann noch nicht genug hat, gibt es ja immer noch „Heimat 2“ und „Heimat 3″…

P.S. Das Rätsel, warum manche Szenen schwarz-weiß und manche in Farbe gehalten sind, konnte noch nicht geklärt werden…

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