Bernhard gelesen. Besser gefühlt.

„Mein lieber kleiner Bruder, was hast du davon, daß du diesen ganzen Unsinn studiert hast, krank bist du davon, schon fast verrückt, eine traurige, komische Figur, hat sie am letzten Abend gesagt, um mich zu verletzen. […] In meiner Gesellschaft sind lebendige Menschen, in deiner nur Tote. Weil du vor den Lebendigen Angst hast, sagt sie, weil du nicht den geringsten Einsatz zu leisten gewillt bis, den Einsatz, der zu leisten ist, wenn der Mensch mit lebendigen Menschen umgehen will.“

„Wir treffen alle Vorsichtsmaßnahmen, aber nicht für das Leben, für das Sterben.“

„Die Menschen reden andauernd davon, daß sie zu den andern und, wie sie mit der ganzen Niedertracht falscher Gefühle auch noch fortwährend sagen, zum Nächsten finden sollen, wo es doch einzig und allein darum geht, zu sich selbst zu finden, jeder finde zuerst zu sich selbst und da bis jetzt kaum noch einer zu sich selbst gefunden hat, ist es auch unvorstellbar, daß irgendeiner von diesen Milliarden von Unglücklichen jemals zu einem Andern […] gefunden hat.“

„Wenn wir die Sätze im Kopf haben, dachte ich, haben wir noch nicht die Sicherheit, sie auch aufs Papier zu bringen. Die Sätze machen uns Angst, zuerst macht uns der Gedanke Angst, dann der Satz, dann, daß wir diesen Satz möglicherweise nicht mehr im Kopf haben, wenn wir ihn aufschreiben wollen. Sehr oft schreiben wir einen Satz zu früh auf, dann wieder einen zu spät; wir haben den Satz zu dem richtigen Zeitpunkt aufzuschreiben, sonst ist er verloren.“

Thomas Bernhard – Beton

„Das Alleswissen, denke ich, ist zu allen Zeiten Mode gewesen und ist es auch in den letzten beiden Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen, so ist es jetzt wieder die höchste Mode.“

„[Sie haben] wenigstens ein philosophisches Interesse vorgegeben, weil sie geglaubt hatten, sie müßten das in meiner Gegenwart, vor mir, der, wie sie damals geglaubt hatten und wie sie wahrscheinlich auch noch heute glauben, ein philosophischer Mensch sei, ein Philosophierender, was ich aber nicht bin, denn im Grunde weiß ich ja selbst bis heute gar nicht, was das ist, ein Philosoph und ich weiß also auch nicht, was das ist philosophierend.“

„Wir saugen aus einem solchen Menschen jahrelang alles heraus und sagen aufeinmal, er, dieser Mensch, den wir beinahe zur Gänze ausgesaugt haben, sauge uns aus.“

„Es ist natürlich nicht wahr, dass alle Alten Philosophen sind, aber philosophisch sind sie,  […] in jedem Falle machen sich alte Menschen ab und zu wenigstens für ein paar Augenblicke philosophisch oder wenigstens zu einem Philosophierenden auf Augenblicke und also im Verlaufe dieses künstlerischen Abendessens der Burgschauspieler zum Augenblicks-Philosophierenden, zum Augenblicksphilosophen […]“

Thomas Bernhard – Holzfällen

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Ein Gedanke zu “Bernhard gelesen. Besser gefühlt.

  1. Ein jammer, dass jemand zu lebzeiten so wie Thomas Bernhard angefeindet wurde, der nur wahrheiten schreibt. Wahrheiten scheinen alsso nicht nur selber schlimm zu sein, sondern es scheint auch das aufschreiben von wahrheiten schlimm zu sein. Und manchmal draengt sich der verdacht auf, dass das aufschreiben der wahrheiten schlimmer als die wahrheiten selbst sind.

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