Die Zeit auf dem Zauberberg

Jetzt, wo alles im Schnee eingeschlossen ist, fühlt es sich hier fast so an wie in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. Die Geschichte des jungen Hans Castorp, der zuerst nur einige Wochen, dann Jahre in einem Sanatorium im Hochgebirge zubringt und das Ganze wie einen Kurs über die wichtigen Themen des Lebens –  Freundschaft, Liebe, Krankheit und Tod –  erlebt, ist weltbekannt. Zugleich aber macht er sich über ein ganz und gar transzendentes Thema Gedanken: die Zeit.

“Was ist denn die Zeit?” fragte Hans Castorp und bog seine Nasenspitze so gewaltsam zur Seite, daß sie weiß und blutleer wurde. “Willst Du mir das mal sagen? Den Raum nehmen wir doch mit unseren Organen wahr, mit dem Gesichtssinn und dem Tastsinn. Schön. Aber welches ist denn unser Zeitorgan? Willst Du mir das mal eben angeben? Siehst du, da sitzt du fest. Aber wie wollen wir denn etwas messen, wovon wir genaugenommen rein gar nichts, nicht eine einzige Eigenschaft auszusagen wissen! Wir sagen, die Zeit läuft ab. Schön, soll sie also mal ablaufen. Aber um sie messen zu können … warte! Um meßbar zu sein, müßte sie doch gleichmäßig ablaufen, und wo steht denn das geschrieben, daß sie das tut? Für unser Bewußtsein tut sie es nicht, wir nehmen es nur der Ordnung halber an, daß sie es tut, und unsere Maße sind doch bloß Konvention, erlaube mir mal …”

Mag man zu Anfang den Protagonisten bemitleiden, wie er da so im Sanatorium herumsitzt und die immer gleichen Abläufe mitmacht – Aufstehen, Essen, Liegekur, dann wieder Essen, wieder Liegen und so fort – so merkt man bald, dass es ihm überhaupt nicht langweilig wird, ja dass die Langeweile selbst sich nicht so endlos anfühlt wie allgemein angenommen:

Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und „langweilig“ machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit. […] Was man Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein.

Hans Castorp beginnt, diese Eigenschaft der Zeit für sich nutzbar zu machen: Zeitabschnitte, die ihm unangenehm sind, füllt er nicht mehr mit Aktivität aus, sondern lässt sie leer, damit er sie umso leichter und schneller „konsumieren“ kann:

Man kann sagen, daß er die Woche konsumiert hatte, indem er auf die Wiederkehr derselben Stunde in sieben Tagen wartete, und Warten heißt: Voraneilen, heißt: Zeit und Gegenwart nicht als Geschenk, sondern nur als Hindernis empfinden, ihren Eigenwert verneinen und vernichten und sie im Geist überspringen. Warten, sagt man, sei langweilig. Es ist jedoch ebensowohl kurzweilig, indem es Zeitmengen verschlingt, ohne sie um ihrer selbst willen zu leben und auszunutzen. Man könnte sagen, der Nichts-als-Wartende gleicht einem Fresser, dessen Verdauungsapparat die Speisen, ohne ihre Nähr- und Nutzwerte zu verarbeiten, massenhaft durchtriebe.

Natürlich will Hans Castorp die Zeit gerade dann vorantreiben, wenn es um ein Wiedersehen mit seiner geliebten „Madame Chauchat“ geht (auch wenn er sie immer nur ansieht und nie mit ihr spricht). Überhaupt ist er von der Zeit besessen, notiert sich innerlich, wann Madame Chauchat sich zu ihm umdreht, merkt genau, wann sie einmal zu spät kommt. Hans Castorp will die Zeit instrumentalisieren, doch zugleich ist er es, der der Zeit unterworfen ist, den Jahreszeiten, den Essens- und Liegenzeiten, der wenigen Zeit, die Madame Chauchat noch im Sanatorium bleibt, als Hans sich endlich traut, sie anzusprechen. Vor allem Settembrini, Hans‘ Mentor, sieht es gar nicht gern, wie verschwenderisch er mit seiner Zeit umgeht:

Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn ein Russe „vier Stunden“ sagt, es nicht mehr ist, als wenn unsereins „eine“ sagt? Leicht zu denken, dass die Nonchalance dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden Weiträumigkeit ihres Landes zusammenhängt. Wo viel Raum ist, da ist viel Zeit […] Wir Europäer, wir können es nicht. Wir haben so wenig Zeit, wie unser edler und zierlich gegliederter Erdteil Raum hat, wir sind auf genaue Bewirtschaftung , des einen wie des anderen angewiesen, auf Nutzung, Nutzung, Ingenieur!

Doch Hans Castorp hört nicht auf ihn, und so konsumiert er die Zeit, fast genauso wie seine geliebten Zigarren, immer schneller, bis er bereits mehr als ein Jahr im Sanatorium ist. Irgendwann reist auch sein Vetter ab, den Hans ursprünglich für drei Wochen besuchen wollte. Immer weniger Buchseiten umfassen immer mehr Zeit, die vergeht. Erst nach sieben Jahren wird Hans das Sanatorium verlassen – und am Krieg teilnehmen, der die Lebenszeit ebenso unbarmherzig auffrisst.

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