Der Stuckiman

 

9783462048858

L’age d’or, taz, Rolling Stone, Motor Music – Benjamin von Stuckrad-Barre ist einer, der sich von Jugend auf überall durchgemogelt hat und gerade dadurch immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Er zieht nach Hamburg, als dort die ersten Anfänge der „Hamburger Schule“ hörbar werden, er lernt über ein Praktikum beim Rolling Stone sein großes Idol Udo Lindenberg kennen, er wird Autor für Harald Schmidt, als dessen Talkshow auf dem Höhepunkt ist. Er ist der Typ, der immer jemanden kennt, der jemanden kennt. Er ist der Typ, der zuerst den Fuß in der Tür hat, und sie danach erst richtig aufmacht und sieht, was ihn da eigentlich erwartet.

An Musik und Musikern interessiert ihn zuerst die Haltung, das Drumherum, das ihn eine neue Welt erahnen lässt. So setzt er sich als Jugendlicher mit Kaffee, Zigarette und „Alibi-Buch“ sonntags ins Cafe, einfach, weil er das aus Filmen so kennt, und weil dabei doch unbedingt etwas herauskommen muss. Etwas kommt tatsächlich dabei heraus: Er lernt Christoph kennen, der ihm seinen ersten Journalistenjob beim Stadtmagazin besorgt. Schreiben kann er nicht, doch das scheint erst einmal seine geringste Sorge zu sein. Schließlich kann er nun bei Plattenfirmen und Verlagen anrufen und sich vollkommen umsonst Stapel von Neuerscheinungen, „Rezensionsexemplare“, schicken lassen. (Und außerdem die süße schwedische Austauschschülerin beeindrucken.)

Nach dem Abitur zieht er nach Hamburg (die Stadt Udo Lindenbergs), immer der Popmusik nach, denn:

Kinofilme und Popmusik halfen, sich auszumalen, wie und was das Leben mal sein könnte, wenn es fertig ist. Man trauerte Erlebnissen hinterher, von denen man träumte, sie schon gehabt zu haben. Lektionen in Melancholie.

Im Schreiben wird er nur langsam besser, „die Sprache will einfach nur in die nächste Zeile kommen und wieder 80 Pfennig verdienen“. In Hamburg bekommt Stuckrad-Barre die ersten Festanstellungen bei Plattenfirmen und Zeitungen – und man ist schon überrascht, wo der Bursche ohne Uniabschluss so alles reinschlittert: Redakteur beim Rolling Stone, Produktmanager bei Motor Music.

Leider schlittert er mit der Zeit auch in eine handfeste Magersucht hinein – obwohl oder gerade weil er mit dem Schreiben langsam Erfolg hat.

Anfangs tat es noch weh, aber ich hatte die Tricks schnell drauf, man musste vor einem Fressanfall und währenddessen sehr viel trinken […] Buttermilch eignete sich gut und hatte ja nur ein Prozent Fett. Hundert Prozent Lesesaalauslastung, ein Prozent Fett – das ist das Glück.

Nachts kotzt er das, was er am Tag gegessen hat, wieder aus, mit musikalischer Untermalung, damit weder die Nachbarn noch er selbst allzu viel davon mitbekommen. Tagsüber dreht sich das Tour-Karussell, ins Auto steigen, schnell in die nächste Stadt, sich für die Lesung fertigmachen und dann ab auf die Bühne, zwischendurch kurz mal was reinstopfen, das sich später wieder auskotzen lässt – bis die Farben so verschwimmen wie auf dem Buchcover.

Doch Stuckrad-Barre wird irgendwann von diesem Karussell abspringen, und zwar mit Hilfe der Macht, die ihn alles meistern lässt: Popmusik. All seine Erlebnisse in „Panikherz“ verbindet er mit Künstlern, Songtexten, Trivia aus dem Kulturbetrieb – was natürlich nichts Neues ist, aber man freut sich, dass jemand es noch (oder wieder?) mit dieser Ernsthaftigkeit betreibt, noch an die Popmusik glaubt. Man merkt, wie sehr sich sein Stil seit „Soloalbum“ entwickelt hat, das angenehm Plätschernde ist geblieben, bewegt sich aber jetzt mehr auf ein Ziel zu und versickert nicht im Sande. Da ist es sogar verzeihlich, wenn Stuckrad-Barre so abgehalfterte Themen wie die Band Rammstein oder L.A. aufs Tapet bringt. Und wenn man dann mit Thomas Gottschalk zusammen am Sunset Boulevard entlang fährt, macht auch das sogar ein wenig Spaß.

 

 

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