Das Schlusslicht #2

Ich versuche hartnäckig, den Frühling herbeizuzitieren, und laufe mit den Beach Boys im Ohr durchs Schneegestöber, bis ich wieder mal aussehe wie das Christkindl mit Schneeflocken im Haar.

Sehe ein Plakat für das Debütalbum der Kölner Band „AnnenMayKantereit“, sieht aus wie eine dieser neuen quadratischen Hipster-Visitenkarten für angehende Content Manager. Der Titel, „Alles nix Konkretes“, aha, Pseudo-Dadaisten also. Heute morgen war schon ein Verriss der neuen AMK-Platte in der Zeit. Geschrieben hat den ein ehemaliger Mitarbeiter der Seite plattentests online, die ja bekannt ist für ihre wortgewandten Verrisse. (Wenn ich mal Aufmunterung brauche, gehe ich gern auf diese Seite und gebe einfach „Nickelback“ ein.) Jedenfalls hat der Verfasser der AMK-Rezension seine zerstörerische Wortgewalt direkt mit in die Zeit-Redaktion gebracht. Fand ich gut, die zig Leute, die einen Kommentar zur Rezension abgaben, offenbar weniger.

Denn die Leute wollen ja jetzt diese „Künstlichkeit“ in der Popmusik nicht mehr (obwohl Popmusik von Anfang an genau dazu da war, dir das Blaue vom Himmel herunterzuspinnen und dich auf Zuckerwatte-Wolken tanzen zu lassen). Sie wollen jetzt dieses „Handgemachte“, das AnnenMayKantereit verkörpern. Sie empfinden es als Qualitätsurteil, dass AMK ihre musikalischen Ergüsse lange nicht auf CD und Vinyl prägen ließen, sondern sie nur live „lebendig werden lassen“ – denn CD und Vinyl, das ist ja tot, da tut sich ja nichts, es ist viel besser, wenn der Künstler da vorne „hautnah“ und am besten nicht zu lange ein paar Lieder vorsingt, die du wie das Gelabere deines besten Kumpels mit ein paar Bier hinunterspülen und nach dem Konzert sofort vergessen kannst. Dass sich einfach keine Plattenfirma für AMK’s Musik interessiert haben könnte, kommt diesen „Musikhörern“ nicht in den Sinn. Und dass man sich „Authentizität“ künstlich aneignen kann, offenbar auch nicht.

Natürlich habe ich mir AMK auch mal angehört. „Oft gefragt“ jedenfalls klingt, als würde ein Säufer am Klavier sitzen und seinen sentimentalen Rausch ausklimpern.

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