Das Schlusslicht #3

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oder: Wie mir Nancy Mitford aus der Krise half

Wie erschrocken und zugleich bestätigt ich mich fühlte, als ich heute beim Einsehen meiner Masterarbeitsnote den hässlichen Haken einer Sieben hinter der Zwei stehen sah. Sofort schaltete mein Körper in eine Art „Ruhezustand“ wie beim Windows-Betriebssystem: Körperfunktionen runterfahren, Belüftung im Hirn aus, alles wurscht. Das ist die Spirale, die automatisch ausgelöst wird, wenn ich (schlecht) bewertet werde, kann ich gar nix dagegen machen. Wurde aber nach einiger Zeit ein bisschen stickig, oben im Hirn, meine ich. Aber auch irgendwie angenehm, ein wenig wuschig und betäubt. Ich schaute die anderen Studenten auf der Straße an und dachte: Ich habe mich noch nie so normal, so eins mit euch gefühlt!

Die Wut belebte wohl auch sichtlich meine Züge , sodass ich mit weniger verkniffenem Gesicht und toten Augen als sonst herumrannte und sich auch prompt jemand traute, mich nach dem Weg zu fragen. (Nach einem Ort, an dem man lernen kann, wohlgemerkt, beinahe hätte ich zu ihm gesagt Wir sind in der Uni, Mann – in der UNI… muss man sich mal vorstellen, der letzte Tag an der Uni, und dann wird man so was gefragt, dabei könnte man doch mittlerweile schon viel schwierigere Fragen beantworten, zum Beispiel Wo gibts hier die besten Brezeln? oder Wo trifft sich der Ufo-Verschwörungsklub?).

Ich bin dann erst mal in den nächsten Buchladen und hab mir aus Frust einen Riesenwälzer mit den gesammelten Romanen von Nancy Mitford gekauft, nur weil ich mich in diesem Moment so dermaßen von den ersten Sätzen angesprochen fühlte: „Albert Gates came down from Oxford feeling that his life was behind him. The past alone was certain, the future strange and obscure…“ Ich war gar nicht sicher, ob ich das Buch überhaupt wollte. Normalerweise lese ich mehr als den ersten Absatz durch. Im Grunde fand ich auch Nancy Mitfords Schreibstil gar nicht so spannend. Aber egal, der Wälzer fühlte sich schön buchmäßig schwer und beruhigend in meiner Hand an. Bücher sorgen eben immer dafür, dass es einem besser geht, selbst wenn man sie gar nicht liest.

Als ich damit an der Kasse stand, fragte eine ältere Dame prompt, was ich denn da für ein Buch hätte. Das, hätte ich beinahe gesagt, das ist das Päckchen aus universitärer Angst und Unsicherheit, das ich mir symbolisch für den heutigen Tag zulegen muss. Dieser Wälzer wird mich immer an die heutigen Geschehnisse erinnern. Er soll neben meinem Schreibtisch stehen und immer, wenn ich denke, dass ich doch spaßeshalber einen Doktor machen könnte, werde ich mir einfach den allerersten Satz wieder durchlesen.

 

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Ein Gedanke zu “Das Schlusslicht #3

  1. Gut dass es literarische Sätze und literarische Bücher für alle Lebenslagen gibt, auch wenn sie manchmal damit garnichts zu tun haben sondern einfach nur irgendwie zufällig passen oder allein schon weil es Sätze oder Bücher sind, die zufällig passen könnten und im Gegensatz zu ach so „tollen“ ratlosen Ratgebern ein Flair entfalten, in dem wir uns ohne uns darin wiederzuerkennen nicht nur wiedererkennen können sondern eine Befriedigung entdecken, die weit über das Satzverständnis und weit über das Bucherfassen hinausgeht und die manchmal so unerforschlich ist, dass gerade die Unerforschlichkeit dieses Flairs uns die größte Befriedigung bereitet.

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