Das Schlusslicht #4

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oder: Ein Schelm auf Scheinreise

Gerade sitze ich im Bus, die Sonne dringt durch die Scheiben und ich höre die vorletzte Tocotronic-Platte… „Vulgäre Verse“, tolles Lied, bei diesem einen Moll-Akkord am Ende des Refrains wummert direkt mal wieder mein Herz mit. In dem Song geht es um einen Star, der auf Tournee ist und im Hotel nachts die Gedanken kreisen lässt. In Hotels zu leben, muss tatsächlich einen gewissen Reiz besitzen. Udo Lindenberg tut es, Michael Jackson tat es, Nabokov verbrachte seine letzten Lebensjahre in einem Hotel.

Auch Jan Brandt berichtet in seinem neuesten Roman vom Leben in Hotels, vom entwurzelten Zu-Hause-Sein. Zuerst – anlässlich seiner Lesereise – quer durch Deutschland, dann in Oxford, wo er als Gastdozent arbeitet, dann in Turin, zur italienischen Buchmesse. Italien ist – man möchte es fast gar nicht glauben – das letzte und längste Kapitel gewidmet. So als wären die deutschen Städtchen und Oxford nur der Auftakt dafür, was ihn in der oberitalienischen Stadt erwartet. Tatsächlich stürmen eine Fülle an Referenzen und Beobachtungen auf den Leser ein. Brandt beschreibt oftmals nur die Oberfläche, den schönen Schein, findet dafür aber Details, die er in erstaunliche Zusammenhänge bringt. Zum Beispiel, wenn er einen Besuch im italienischen Biosupermarktmogul „Eataly“ beschreibt: „Die Angestellten, die vor mir hergehen, tragen T-Shirts mit suggestiven Botschaften: Facciamo cose buone (Lasst uns Gutes tun) oder La vita e troppo breve per mangiare e bere male (Das Leben ist zu kurz, um schlecht zu essen und zu trinken) – moderne Mönchskutten, die christliche Leitsätze wie ‚Tue Buße‘ oder ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ variieren und bei mir das Gefühl verstärken, es mit einer äußerst erfolgreichen Sekte zu tun zu haben.“

Auch die Menschen, die er trifft, sind für ihn nur Oberflächen, Referenzpunkte, die er im Buch mit zahllosen Hintergrundinformationen und Fußnoten spickt und im wahren Leben mit fast schon peinlichen Fragen bombardiert und einfach mal schaut, was passiert (zum Beispiel, als er den Taxifahrer fragt, ob er die Geschichten von Calvino kenne, in denen Taxis vorkommen). Das, was Benjamin von Stuckrad-Barre für die deutsche Popkultur ist, könnte Jan Brandt für die deutsche Literatur sein – genau wie Ersterer scheint Brandt kein Blatt vor den Mund zu nehmen – ein moderner bauernschlauer Schelm. Mindestens genauso erstaunlich sind die durchdachten, klugen Antworten, die die Leute auf Brandts Fragen geben – und spätestens wenn der Taxifahrer sich mit Brandt auf ein Gespräch über Metafiktion einlässt, merkt man, dass irgendetwas hier nicht stimmen kann. Der nächste Satz liefert die Lösung: „[Der Taxifahrer] Bruno sagt: ‚Nur die Hälfte von dem, was er sagt, ist wahr.‘ Und da denke ich, dass das für alles gilt, was ich in Turin erlebt habe.“

 

 

 

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