Das Schlusslicht #5

„Gehen Sie weiter, wir wollen hier keine Musik“, sagen zwei ältere Herren in der S-Bahn, als ein Akkordeonspieler an ihnen vorbeigeht. Wenig später die Durchsage aus dem Lautsprecher: „Es ist verboten, in der S-Bahn Musik zu machen.“ Ich bin zwar dankbar, dass jemand diesem schrecklichen Instrument Einhalt gebietet, und ich weiß, dass unbedingt etwas gegen diese Reizüberflutung getan werden muss, aber dass sie ausgerechnet die Musik verbieten wollen, geht mir dann doch ein wenig gegen den Strich. Niemand kommt ja auf die Idee, etwa nervige Werbeslogans zu verbieten,  obwohl an jedem zweiten Zugfenster „Shake dich schlank“ pappt.

Überhaupt, die Leute sollten froh sein, dass man noch nicht längst den legendären „Chronovisor“ wieder zusammengebaut hat – dann würde die Reizüberflutung nämlich gar kein Ende mehr nehmen. Ursprünglich von einem italienischen Pater dazu entworfen, Tonspuren einer verlorenen antiken Oper aufzunehmen, soll mit Hilfe dieses mysteriösen Gerätes alles in Bild und Ton wiedergegeben werden können, was jemals auf unserer Erde geschehen ist. Nachdem der Pater in den Siebzigern allerdings ein Foto von der Kreuzigung Jesu publizieren ließ, das sich als Fälschung herausstellte, verschwand er für den Rest seines Lebens in der Versenkung. Der Chronovisor soll sich nun, in einzelne Teile zerlegt, im Besitz verschiedener Wissenschaftler befinden, die Baupläne desselben im Vatikan. Und das ist vielleicht auch besser so – sonst würde wohl N24 an jeder Straßenecke einen solchen Apparat platzieren, auf dem 24 Stunden lang Originalszenen aus dem 2. Weltkrieg laufen.

Andererseits, wir brauchen gar keinen Chronovisor mehr, wir haben ja jetzt das Internet. Sagt auch Boris Hänssler in seinem dokumentarischen Nostalgie-Buch „Als wir zum Surfen noch ans Meer gefahren sind“. Auf dem Meer surft man nun nicht mehr, man taucht höchstens kurz unter, um danach erfrischt in seiner Facebook-Timeline weiter zu scrollen. Angesichts des Internets verliert vieles seine ursprüngliche Funktion und Bedeutung, auch das Lesen: „Seitdem ich im Netz surfe, ist mein Gehirn permanent in einer Art Disneylandmodus. Ich lese nur noch in den Zwangspausen, die mir die Technik auferlegt: Funklöcher bei der Bahnfahrt, leere Akkus oder während ich darauf warte, dass mein Chrome-Browser alle 18 Tabs geladen hat, die ich beim morgendlichen Surfen ansammle und mir sowieso nicht ansehe, weil mir noch etwas einfällt, was ich im Netz machen will.“

Hänssler führt uns an die Orte der Prä-Google-Generation, in Buchhandlungen, Plattenläden, ohne Navi und ohne WhatsApp. Und vor allem: ohne dabei dröge und moralisierend zu wirken. Er wählt kleine Episoden aus seinem Leben aus, zum Beispiel eine Irrfahrt zu einem Konzert, die er damals nur mit Hilfe eines kleinen, zerrissenen Falkplans bewältigte. Und dabei kommt es eben zu den unwiderstehlich komischen oder poetischen Momenten, die eben oft nur dann entstehen, wenn man sich in der Realität und nicht in der Virtualität treiben lässt. Unterfüttert werden diese einzelnen Episoden durch interessante Fakten zur Informationsverarbeitung und Wahrnehmungspsychologie. Denn dass das Internet unser Gehirn verändert, muss nicht schlimm sein, solange wir uns dieses Prozesses bewusst sind und ihn – zumindest ein wenig – steuern können.

Den Akkordeonspieler scheint jedoch niemand steuern zu können, denn jetzt kommt er schon wieder fröhlich musizierend den Gang entlang. Nun ja, Musik lässt sich eben erfahrungsgemäß genauso wenig aufhalten wie das Internet.

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Ein Gedanke zu “Das Schlusslicht #5

  1. So notwendig um Schäden vorzubeugen oder nützliche öffentliche Regulierungen zu treffen allgemeine Steuerung sein kann so notwendig ist auch persönliche Anarchie, die schon alleine darin besteht, gegen den Strom zu einem anderen Ausgang zu gehen oder besonders dämliche Reklame, die sich besonders clever gibt zu ignorieren oder Tee zu schlürfen, wo die meisten Kaffee trinken. Aber so sehr wir zur persönlichen Anarchie durch unser individuelles Verrhalten beitragen so kultiviert sind wir und wundern uns über uns selber, über unsere Steuerbarkeit ebenso wie über unseren Anarchismus.

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