Der Autor ist tot

Laurent Binet: La septième fonction du langage

Die Wege, auf denen man neue Bücher kennenlernen kann, sind vielfältig. Da sitzt man dann zum Beispiel in einer Übersetzungsklausur und denkt sich: „Wow, ich will noch weiterübersetzen, um zu wissen, was als nächstes passiert!“ So ging es mir mit Laurent Binets „La septième fonction du langage“.

Ausgangspunkt des Romans ist der Mord an dem französischen Sprachwissenschaftler Roland Barthes. Mord?, werden sich nun einige Barthes-Kenner fragen. Ja genau, denn in der Parallelwelt des Romans wird der Autounfall Barthes‘, an dem er tatsächlich 1980 starb, zu einem Mord umgedeutet. Denselben untersuchen sollen nun der bodenständige Inspector Bayard und sein „Assistent“ Simon Herzog – ein Linguist, der Bayard über die Hintergründe und Verwicklungen der französischen Intellektuellenszene aufklären soll und deshalb seitenlang damit beschäftigt ist, ihn in die sprachwissenschaftlichen Grundlagen einzuführen. Aber das ist nicht alles: Simon Herzog besitzt außerdem den „Sherlock-Holmesschen Blick“, er kann an Leuten nach ein paar Sekunden erkennen, ob sie ein Haustier haben oder wie ihr aktueller Beziehungsstatus ist.

Auf der Suche nach dem Mörder stolpert das ungleiche Paar von einer brenzligen Situation in die nächste: sie werden von seltsamen Männern mit tödlichen Regenschirmen verfolgt, entgehen nur knapp einem Bombenattentat und schleichen sich in den „Logos Club“, einer mysteriösen Geheimgesellschaft, die regelmäßig Rededuelle veranstaltet, bei denen den Verlierern schon mal die Finger abgehackt werden. Irgendwo zwischen diesen ganzen Ereignissen geht fast ein wenig verloren, worum es nun eigentlich genau geht: nämlich um ein Dokument, das Barthes offensichtlich in Verwahrung hatte und in dem die „siebte Funktion der Sprache“ beschrieben ist – und mit deren Hilfe man offenbar die ganze Menschheit kontrollieren kann.

Im Verlauf der Geschichte wandert dieses Dokument von einem Intellektuellen zum nächsten: von Louis Althusser, der ausrastet und seine Frau tötet, als sie ihm gesteht, dass sie es aus Versehen in den Müll geworfen hat, kommt es über Derrida, der aus diesem Grund von John Searle getötet wird, schließlich zu Julia Kristeva und Philippe Sollers, der die Prinzipien, die darin festgehalten sind, zum ersten Mal „live“ ausprobieren will. Er fordert den obersten Vorsitzenden des Logos Club – Umberto Eco – zum Duell, in der sicheren Hoffnung, ihn mit Hilfe dieser siebten Funktion schlagen zu können. Doch wie den anderen bringt auch ihm das Dokument kein Glück und er wird vom Logos Club grausam für seine Überheblichkeit bestraft. Eco triumphiert – eine interessante metatextuelle Wendung, wenn man bedenkt, dass er in „unserer“ Welt selbst einen Roman über die Macht der Sprache verfasst hat. Es scheint fast, als wüsste Eco alles über das geheime Dokument – hat er am Ende mit Barthes‘ Tod zu tun?

„La septième fonction de langage“ ist einer der Kriminalromane, bei denen der eigentliche Plot zugunsten anderer Diskurse in den Hintergrund tritt: Linguistik, Philosophie, Politik – es werden unglaublich viele Themen in unglaublich vielen Gesprächen verhandelt. Binets Stärke liegt in der Gestaltung dieser Dialoge; manchmal wirkt es wie in einem Comic, wie die Figuren sich die Thesen an den Kopf werfen. Wenn Binet dem Leser einen Einblick in das private Leben der französischen Intellektuellen gibt, hat das oft schon humoristische Qualität, etwa, wenn Kristeva beim Kaffee in Gedanken ihren Ehemann Philippe Sollers verflucht. Allerdings sucht man zwischen den kurzen Episoden oft vergeblich einen Zusammenhang; der Roman wirkt deshalb nicht ganz aus einem Guss. Dennoch bietet er einen interessanten Par-Force-Ritt durch die „French Theory“ des letzten Jahrhunderts. Wer ein Einführungsseminar in Linguistik erleben will, das so spannend wie eine „Sherlock“-Folge gestaltet ist, dem sei dieser Roman ans Herz gelegt.

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