Zum Zustand der chinesischen Gegenwartsliteratur

„People can learn more about themselves through learning foreign languages. Looking beyond oneself offers another angle to look back at oneself“, hat Wolfgang Kubin, der berühmteste deutsche China Forscher, einmal gesagt (1). In meinem Fall wirft das die Frage auf, ob ich am Anfang nicht einfach dem Exotischen der chinesischen Sprache erlegen war, generell: eine Faszination für das Abgelegene, Exotische hege, die nicht unbedingt mit Tiefsinnigkeit zu tun hat? Nun ja, ich denke, falls es diese Phase gegeben hat, habe ich sie seit Längerem bereits überwunden und bin längst in die Tiefen der chinesischen Sprache und Kultur eingetaucht.

Was man laut Wolfgang Kubin von der Mehrheit der zeitgenössischen chinesischen Schriftsteller nicht unbedingt behaupten kann. Viele machten sich seinem Urteil zufolge nicht einmal die Mühe, eine, geschweige denn mehrere, Fremdsprachen zu lernen. Ein großer Fehler, denn so brächten sie sich nicht nur um einen lehrreichen Einblick in andere Kulturen, sondern auch um einen mindestens ebenso lehrreichen, kritischen Blick auf sich selbst. „It is true that Gu Cheng and Zhai Yongming once told me that learning German or English would destroy their mother tongue. But if there is any truth in this, why did Zhang Ailing (Eileen Chang) or Bian Zhilin not loose their Chinese when they even wrote in English?“(2) Dieser Umstand ist einer der Gründe dafür, dass sich in den letzten Jahren eine, wie Kubin es nennt, „Müll-Literatur“ in China entwickelt hat. Bücher, die nur endlos die schlimmen Zustände und Folgen der Kulturrevolution wiederkauen. Bücher, deren Heldinnen in den Klubs Shanghais jeden Tag Sex-and-the-City-mäßig einen draufmachen. Bücher, in denen sich auf jeder Seite kapitalistische Weisheiten wiederfinden, für den Leser fast unsichtbar in schöne Geschichten verpackt – geschrieben von Autoren, die selbst schon fast eher der Business-Seite des Büchermachens angehören.

Ein fehlender kritischer Blick – nach außen und innen – zieht fehlendes Wissen nach sich. Und aus diesem Nichtwissen entstehen Mythen und Illusionen. Anscheinend sind viele Chinesen gerade darin gut: sich Illusionen zu machen – sowohl über die eigene als auch über fremde Lebenswelten. So stellen sich viele  Chinesen die Universität von Harvard als eine Institution vor, in der von morgens bis abends ohne Unterbrechung gelernt wird und man nicht mehr vor die Tür darf, wenn man keine Topnoten schreibt. (3) Sie projizieren ihre eigenen übertriebenen Erwartungen auf die ausländische Bildungsinstitution – und dieses glänzende Abziehbild wirft die Erwartungen wie ein Spiegel auf ihre eigenen Kinder zurück, die dann selbst eingesperrt werden, wenn sie keine Einsen schreiben. Ein Teufelskreis.

Doch zumindest für die chinesische Literatur scheint es Hoffnung zu geben. „The World has yet to see the best of Chinese Literature“, sagt Samantha Leese vom Spectator. (4) Besonders junge talentierte AutorInnen machen immer mehr durch Gedichte auf Internetseiten und Kurzgeschichten auf sich aufmerksam. Doch hier ist es – umgekehrt – an den Lesern und Verlagen aus dem Westen, einen kritischen Blick auf China zu werfen und Facetten zu entdecken, die über die Stichworte „Exotismus“, „Kulturrevolution“ und „Wirtschaftsmacht“ hinausgehen. „For Western publishers and readerships, there’s a certain expectation of what China is, and if they don’t get it they don’t like it.“ (5) Eine Möglichkeit, diesen Blick auf das fernöstliche Land zu schärfen, bietet seit Ende letzten Jahres die Anthologie „Leuchtspur“, in der Kurzgeschichten und Gedichte von chinesischen Avant-Garde-AutorInnen auf Deutsch veröffentlicht werden (erschienen im Löcker Verlag Wien). (6)

leuchtspur

(1)http://europe.chinadaily.com.cn/epaper/2016-01/08/content_22988047.htm

(2)http://www.chinadaily.com.cn/cndy/2007-04/10/content_846626.htm

(3)http://www.chinadailyasia.com/life/2014-05/30/content_15137809.html

(4)http://blogs.spectator.co.uk/2013/03/the-world-has-yet-to-see-the-best-of-chinese-literature/

(5) ebd.

(6) http://www.tagesspiegel.de/kultur/zwei-zeitschriften-fuer-chinesische-literatur-schutt-ist-unser-duenger/12493246.html

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