Leseimpressionen: Henry Miller

„Ich bin ganz aus dem Stoff der stolzen, ruhmredigen nordischen Rasse, die nie den geringsten Abenteurergeist besessen, aber dennoch die Erde durchwühlt, sie auf den Kopf gestellt und überall ihre Spuren und Ruinen hinterlassen hat. Ruhelose Geister, aber keine Abenteurer. Gequälte Geister, unfähig, in der Gegenwart zu leben.“

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„Mir wurde bewusst, dass ich nicht das geringste Interesse am Leben hatte, sondern nur an dem, was ich jetzt tue, was neben dem Leben herläuft, zugleich zu ihm gehört und darüber hinausreicht. Das Wahre interessiert mich kaum, auch nicht, was wirklich ist; mich interessiert nur, was ich mir als vorhanden vorstelle, was ich Tag für Tag erstickt hatte, um zu leben.“

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(https://www.etsy.com/de/listing/213744884/)

„Von dem Tage an, als wir zur Schule gingen, lernten wir nichts; im Gegenteil, wir wurden dumm gemacht, mit Worten und Abstraktionen eingenebelt … Die Wunder und Geheimnisse des Lebens – wie werden sie in uns abgedrosselt, wenn wir verantwortliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind! Bis wir in die Arbeit hinausgestoßen wurden, war die Welt für uns sehr klein, und wir lebten an ihrem Rande, am Rande des Unbekannten … Ich habe nichts durch die Erweiterung meiner Welt gewonnen, im Gegenteil, ich habe verloren.“

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(www.wallup.net)

„Ich hatte ständig grenzenlose Fernsicht vor mir. Ich begann in der Fernsicht zu leben wie ein mikroskopisch kleiner Fleck auf der Linse eines Riesenfernrohrs. Es gab keine Nacht, in der man hätte ruhen können. Ständig lag Sternenlicht auf der unfruchtbaren Oberfläche toter Planeten. … Die Sterne hingen so niedrig, und das Licht, das sie ausstrahlten, war so blendend, dass es schien, als würde das Universum gerade erst geboren.“

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(www.lapalma1.net)

„In diesem Zustand bin ich nötigenfalls imstande, meiner Familie zuliebe, oder um mein Vaterland zu schützen oder was sonst es sein mag, kaltblütig zu töten. Ich bin der gewöhnliche, alltägliche Bürger … Dann eines Tages wache ich ohne die leiseste Warnung auf, blicke um mich und verstehe absolut nichts von dem, was um mich her vorgeht, weder mein eigenes Verhalten noch das meiner Nachbarn; ebenso wenig verstehe ich, warum Regierungen sich im Krieg oder Frieden befinden…“

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(www.twistedsifter.com)

„Fast alles, was wir Leben nennen, ist einfach nur Schlaflosigkeit, ist Agonie, weil wir die Fähigkeit verloren haben, einzuschlafen. Wir verstehen nicht mehr, uns zu entspannen. Wir sind wie ein Kastenteufelchen, das auf einer Sprungfeder sitzt, und je mehr wir uns abmühen, desto schwieriger ist es, wieder in den Kasten hineinzukommen.“

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aus: Henry Miller, Der Wendekreis des Steinbocks

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2 Gedanken zu “Leseimpressionen: Henry Miller

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