Das Schlusslicht #6

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Proust and me

oder: Wie ich 500 Seiten darauf wartete, dass die Hauptfigur endlich allein ist

Bestimmte Bücher kennzeichnen den Stand der persönlichen Entwicklung, deshalb ist es unerlässlich, über sie zu schreiben. Anfangs war ich der festen Überzeugung, dass der vierte Teil von Prousts Romanwerk, „Sodom und Gomorrha“, ein solches Buch werden würde und hatte es mir ganz eifrig als Lektüre für den Sommer vorgenommen. Ich hatte Teil eins schon gelesen, natürlich im Zuge meines Literaturstudiums, und ich finde es bis jetzt den gelungensten Teil, ein Plädoyer für die Kindheit und dafür, die Dinge auch später mit kindlichen Augen zu betrachten – ein Plädoyer, das mir durch die drögen Stunden geholfen hat, in denen ich mich mit literaturwissenschaftlichen Texten herumschlagen musste. Ich erinnere mich noch, wie das Buch auf dem Kissen meines Bettes im Wohnheim lag, neben mir auf dem Nachttisch eine einzelne 200 Watt-Glühbirne als Kerzenersatz.

Der zweite Teil über Marcels Jugend und erste Kontakte zum anderen Geschlecht hatte mich dafür mit der größten Sentimentalität erfüllt. Ich begann, darüber nachzudenken, was das eigentlich ist – Liebe, Begehren, begann, meine persönlichen Beziehungen zu hinterfragen – wahrscheinlich war ich zu der Zeit gefühlsbetonter, als für mich gut war. Im dritten Band schließlich beginnt Marcel, sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Finden viele die Schilderungen der Dinners und Soireen ermüdend, so kreisen sie doch meiner Meinung nach um ein Thema: Wie sehr soll ich mich an die Gesellschaft anpassen? Wie viel Schein soll ich sein? Vielleicht kann man erst, wenn man das richtige Maß, die richtige Trennlinie zwischen sich und der Gesellschaft gefunden hat, beginnen, sich selbst zu erforschen (und das ist ein Thema, das mich immer noch beschäftigt).

Auf mehr Selbsterforschung hatte ich dann eben im vierten Band „Sodom und Gomorrha“ gehofft, den ich mir im Sommer vorgenommen hatte: ich erhoffte mir, dass sich Marcel jetzt endlich ganz ins Private zurückzog und seine kleinen Obsessionen, seine Beziehung zu Albertine schilderte. Ich erwartete wieder einmal das Höchste von einem Proust-Band: dass er mich wie ein Anker festhielt im Strom der Zeit, dass er mich (er)griff und von allen Seiten beleuchtete und mir sagte, wo ich mich befand und wo es als nächstes hingehen sollte. Doch schon nach einigen Seiten merkte ich, dass sich Marcel scheinbar nicht an derselben Stelle wie ich befand- wir waren buchstäblich nicht mehr auf derselben Wellenlänge im Zeitstrom.

Zum ersten Mal wohl konnte ich mich mit Marcel nicht mehr zur Gänze identifizieren. Denn er schrieb immer noch über Dinners und Soireen und ich wartete 500 Seiten lang darauf, dass er ein einziges Mal allein war und sich hinsetzte und über sich selbst reflektierte. Stattdessen konnte er auch in Gedanken kaum davon ablassen, darüber nachzudenken, wie Madame Verdurin diesen oder jenen Besucher ihrer „Mittwochnachmittage“ aburteilt, wie Albertine ihm immer wieder Anlass zur Eifersucht gibt, welche Mittel der Baron de Charlus einsetzt, um sich seine Liebhaber zu angeln. Prousts Kopf schienen (ab Mitte seines Romanzyklus) so viele Gestalten zu bevölkert zu haben, dass er kaum mehr Zeit für seine Hauptfigur erübrigen konnte.

Dann kam mir ein Gedanke, den ich eigentlich gar nicht recht zulassen wollte: vielleicht hatte ich mich nicht nur von Marcel, sondern von Proust wegentwickelt! Denn ich hatte es schon immer bevorzugt, wenn in einem Roman nur wenige Figuren vorkamen, die ausführlich behandelt werden, vielleicht auch nur eine oder zwei (wohingegen ich es aber mag, wenn der Autor Multiperspektivität verwendet und einen kleinen Ausschnitt aus einer Welt aus verschiedenen Sichtweisen schildert) – weswegen viele meiner Lieblingsbücher auch Autobiographien sind. Es wäre wohl auch zu schön gewesen um wahr zu sein, wenn ich zu jeder meiner Lebensphasen einen passenden Proust-Band zur Hand gehabt hätte. Das ist im Grunde wie mit Platten und Bands: in der Kennenlernphase ist man quasi auf einer Wellenlänge mit ihnen, beinahe synchron, doch mit jedem neuen Album besteht die Gefahr, dass sie sich in eine Richtung entwickeln, die man nicht gutheißt – dasselbe gilt übrigens auch oft für Beziehungen. Und dann hat man bekanntlich zwei Möglichkeiten: sich mit dem Betreffenden mit-(manchmal: weiter-)entwickeln oder sich von ihm lösen.

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2 Gedanken zu “Das Schlusslicht #6

  1. Was ist Entwicklung beziehungsweise Veränderung wenn wir alle uns verändern oder wenn wir uns nicht verändern wollen oder wenn wir uns verändern wollen oder wenn wir uns verändern müssen oder wenn wir uns unmerklich verändern und erst durch Vergleiche mit der Vergangenheit oder mit statischen Gegenständen wie Büchern unsere Veränderungen bemerken ? Kann Veränderung, die damit das Leben ausmacht, dann überhaupt negativ sein oder überhaupt positiv sein da sie allgemein unumgänglich ist ? Sollen wir gegen sie oder für sie arbeiten, die manchmal gegen uns und manchmal für uns arbeitet ? Wir können dann Bücher oder Beziehungen ablegen oder aber in gewissen Zeitabständen mit anderen Augen betrachten und anderes entdecken und neu begründen, abhängig davon ob dies uns Bücher oder Beziehungen wert erscheinen, was wir unabhängig von Veränderlichkeit aufgrund unserer Erwartungen und unserer Bedürfnisse und unserer Sehnsüchte – sofern sich diese nicht auch verändern – beurteilen. Was also ist Veränderung wenn unsere Sehnsüchte gleich bleiben ? Und was also ist Unverändertlichkeit wenn sich unsere Sehnsüchte verändern ? Wann gestalten wir die Veränderung und wann stürzen wir in die Haltlosigkeit ? Wann ist Veränderung wenn wir keine Vergleiche ziehen ? Denn jeder Vergleich kann uns verändern und jeder Satz kann uns verändern und hat damit seine Wirkung schon getan und hat uns wie Proust das verändernde Verfließen der Zeit veranschaulicht und unsere Bemühungen manche Zeiten zurückzuholen und das Mißlingen aber auch das Gelingen in unseren besten Erinnerungen.

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