Ein bisschen in eigener Sache oder: „Ecris-toi!“

Es ist nun gut einer Vierteljahrhundert her, seit die französische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hélène Cixous ihr berühmtes Statement veröffentlicht hat: „Frauen schreiben mit ihrem Körper“. Seitdem ist dieser Satz, und im Zusammenhang damit ihr bekanntestes Werk „Das Lachen der Medusa“ von vielen belächelt, kritisiert und unter den Teppich gekehrt worden. Eine deutsche Übersetzung des Textes ist erst 2013 erschienen; in den Vorlesungsverzeichnissen der deutschen Unis finden sich kaum Seminare, die sich mit ihrer Theorie beschäftigen. Hélène Cixous scheint in der modernen Gender-Forschung kaum mehr eine Rolle zu spielen. Dennoch denke ich, dass sie besonders für eine Gruppe von ungebrochener Relevanz ist: nämlich für die Gruppe der schreibenden, dichtenden, Geschichten erzählenden Frauen.

Sieht man sich ihre Texte genauer an, wird auch sofort klar, wieso Cixous in der (deutschen?) Literaturwissenschaft so marginalisiert wird: Sie schreibt höchst „unwissenschaftlich“, sehr bildhaft, ihre Gedanken springen hin und her, Argumente werden nur angeschnitten, nie aber zu Ende geführt. Und das ist gut so: denn Cixous ist in erster Linie Schriftstellerin, und ihr Ziel ist nicht, den Frauen eine argumentative Grundlage im Geschlechterkampf zu geben, sondern sie zum kreativen Tun, zum Schreiben „anzustiften“. Cixous geht von keiner Opferrolle aus, aus der sich die Frauen herausmanövrieren müssen, von keinem „Mangel“, den sie beseitigen müssen, nein, im Gegenteil, die Frauen haben alles, was sie für ein selbstbestimmtes Leben brauchen, schon in sich:

[s]chreib dich: es ist unerläßlich, daß dein Körper Gehör bekommt. Dann wird aus unermeßlichen Quellen der Reichtum des Unbewußten hervorsprudeln. Unser Erdöl wird auf der Welt […] unkotierte Werte verströmen, die die Regeln des alten Spiels verändern.

Wie frau „sich schreiben“ soll, ist quasi schon in den Text ein-geschrieben: sie soll nicht auf die herkömmlichen Regeln achten, die den Fluss des Textes nur unterbrechen, ihre Sätze sollen mäandern, sie soll aus dem Unbewussten schreiben – „weil das Unbewußte, dies andere Land ohne Grenzen, der Ort ist wo die Verdrängten überleben: die Frauen oder, wie Hoffmann sagen würde, die Feen“.

Über Weiblichkeit bleibt den Frauen noch beinah alles zu schreiben. […] Der Körper der Frau, mit seinen tausend und einem Glutherden: wenn sie ihm erlauben wird – Joch und Zensur zerschmetternd – die üppige Reichhaltigkeit der Bedeutungen zu artikulieren, von der er nach allen Richtungen sinnbringend durchlaufen ist, wird er die alte einspurige Muttersprache wohl mit mehr als einer Sprache zum Klingen bringen.

Ich könnte an dieser Stelle noch mehr Zitate aus Cixous‘ Text nennen, doch man sieht bereits jetzt, dass das „Lachen der Medusa“ eine ungewöhnliche Kraft transportiert, die andere zum Schreiben inspirieren kann. Denn es geht nicht darum, ein Werk zu schaffen und seinen Namen darunter zu setzen, sondern, sich in die Welt hinauszuschreiben und damit andere Frauen zum Schreiben „anzustiften“, sodass ein vielstimmiger Chor entsteht, ein Lachen, das die Männer von ihrem Podest herunterhebt.

Tatsächlich ist mir diese Cixous’sche Konzeption der weiblichen Schrift(stellerin) bereits mehrmals begegnet, zuletzt ausgerechnet in der Serie Six Feet Under: nämlich in Gestalt von Brenda, der neurotischen, hochintelligenten Massagetherapeutin. Diese Frau nimmt das Credo „Mit dem Körper schreiben“ fast schon wörtlich: Wenn ihr Freund mal nicht bei ihr ist, lässt sie sich von anderen Männern befingern oder steigt gar mit ihnen ins Bett – nur um zu Hause dann ihre sexuellen Erlebnisse niederzuschreiben. „Got another chapter out of it“, erzählt sie dann nonchalant ihrer besten Freundin, wenn sie dieser ihre Eskapaden berichtet. Einer Therapeutin gegenüber versucht sie, ihre Sex-Schreib-Sucht so zu erklären: „It’s just a world that belongs to me“ – eine Welt, in der ihr Freund, der sie an sich binden will, nicht präsent ist, in der sie mit ihrem Körper und den Worten in ihrem Kopf tun und lassen kann, was sie will. Erinnert doch stark an Virginia Woolfs „A Room of One’s Own“.

Nicht zuletzt spielt dieses weibliche Schreiben auch in meiner eigenen, gerade erschienenen Novelle eine nicht unerhebliche Rolle: Dort ist es Mia, die Freundin des Protagonisten Benjamin, die sich während ihrer Kokainpsychose „selbst schreibt“ und damit im Roman eine eigene Stimme bekommt. Und tatsächlich – das habe ich erst nach der Lektüre von Cixous‘ Text gemerkt – sind Mias Gedanken durchzogen von körperlichen Metaphern:

wenn er nicht da ist, kommen die maden wieder. ich kühle aus und werde schwach, das lockt sie an. ich liege auf dem bett und verwelke mit jeder sekunde, die er nicht da ist, mehr. wenn er dann zurückkommt, erschrickt er, weil wieder ein bisschen mehr von meiner haut verwittert ist, weil sie rau ist wie feines herbstlaub.

die schwester versteht mich nicht, sie steht nur da. ich wiederhole meine worte, jedes mal verschlingen sich die silben mehr ineinander. ich scheine eine andere sprache zu sprechen. ich greife ihren ärmel und zeige ihr meine arme, vielleicht sieht sie dann die maden, die sich verpuppen. in meinen ohren beginnt es zu murmeln, als flösse ein fluss hindurch. ich drehe meinen kopf und sehe, wem die worte entströmen. sie fließen durch meinen gehörgang, ohne dass ich sie aufnehmen könnte. doch sie sind angenehm, sie wässern meinen kopf, kühlen all die irren silben, die dort umherschwirren. ich lasse es zu, dass er mich anfasst.

Erst nachdem ein Autounfall Mia und Benjamin gewaltsam trennt, scheint Mia eine eigene Sprache zu entwickeln. Und endlich kann sie sich, wenn auch fragmentarisch und wirr, den Lesern mitteilen.


Den gesamten Roman kann man übrigens noch bis Weihnachten kostenlos auf neobooks, amazon, Apple, sowie im tolino-Store und auf ebook.de herunterladen: Carina Obster, „Die Nacht gehört den Liebenden“,  174 S., ET: 10.11.16.

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