Das Schlusslicht #8

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oder: Du musst dein Leben ändern

In einer der Brückenunterführungen auf dem Weg zur Arbeit, in denen immer die neuesten Schrecklichkeiten hängen, sehe ich ein Plakat der Rolling Stones, die auf dem Cover ihres neuen Livealbums mit dem Lieblingsfluchtort der Amis (oder der ganzen Welt?) werben: Kuba. Eine fahnenschwenkende Menschenmenge vor einer farbenfrohen, hippiesken Bühne, im Hintergrund der Halbmond auf kitschigem sepiafarbenem Hintergrund. Irgendwo mittendrin der knallrote Mund, der den vermeintlichen Spießern die Zunge herausstreckt. Mich kriegt ihr nicht, denke ich. Ich weiß genau, dass es im (Post)Kapitalismus keine irgendwie geartete Form von „Außen“ geben kann. Ich weiß Bescheid über die Vermarktung von Utopien. Im Supermarkt gehe ich immer hocherhobenen Hauptes am Babybel-Käse und den Nestle-Cornflakes vorbei. Dann fällt mein Blick in meine Tasche. Knallgrüne Zuckerschoten leuchten mir entgegen, auf der Verpackung pappt ein Aufkleber „Eat me, I`m tasty“, auf hübschem lilafarbenem Hintergrund mit hipsterigem Zentangle-Muster. Mist. Anscheinend stecke ich da doch noch tiefer drin, als ich dachte.

Vor einiger Zeit habe ich mir erlaubt, ein Buch zu lesen, das das kritisiert, was mir jahrelang das Wichtigste war: Popmusik. Das Buch heißt „Die Diktatur der Angepassten“; Autor ist der Philosoph und Soziologe Roger Behrens. Er sieht die Popkultur als Parallelkultur, die die Gesellschaftsordnung zwar vordergründig unterwandert, sie jedoch langfristig bestätigt:

So, wie es bisher gelaufen ist, kann es nicht weitergehen; aber es geht immer so weiter. Die gegenwärtige Krise beschreibt einen paradoxen Zustand, dessen Ende absehbar ist, der aber nicht aufhört, sich fortzusetzen. Dass es nicht so weitergeht, ist das nachdrückliche Versprechen der Popkultur, das zugleich die gegenwärtige Gesellschaft perennierend bestätigt: Die bestehende Ordnung wird aufrecht erhalten, nicht trotz der oder mit den Widersprüchen, sondern durch die Widersprüche. In der Popkultur und ihren Erscheinungsformen finden diese Widersprüche ihren Ausdruck. (9)

Popkultur ist Rilkes „Du musst dein Leben ändern“ in Endlosschleife und mit süßlichem Backgroundgesang. Hört man sich ein paar Mal an und steigt dann am Montagmorgen wieder brav in den Linienbus. Behrens geht sogar soweit, zu behaupten, Pop festige die Strukturen des Kapitalismus – unter Zuhilfenahme von Adorno:

Der Endeffekt des conditioning, der zu sich selbst gekommenen Anpassung, ist Verinnerlichung und Zueignung von gesellschaftlichem Druck und Zwang weit über alles protestantische Maß hinaus: die Menschen resignieren dazu, das zu lieben, was sie tun müssen… (40)

Die Popkultur bietet dabei vordergründig Ausbruchsstrategien an, Veränderungsvorschläge, die sich im Nachhinein als hohl herausstellen: Veränderung des Lebensstils, der Mode, des Geschmacks, der Plattensammlung. Dadurch, dass die Menschen sich so sehr um den eigenen Lebensstil, ihre Klamotten und ihre Platten kümmern, würden sie geradezu davon abgehalten, sich um das große Ganze Gedanken zu machen: „In Entenhausen und allen fiktiven Nachfolgegebilden der Kulturindustrie geht es fortwährend um persönliche Krisen, Widersprüche, ums Scheitern und Neuanfänge, aber es gibt keine Systemkrisen und keine Hegemoniekrisen.“ (58) Und es stimmt: Bevor man ein wütendes Pamphlet gegen einen unfairen Lehrer oder einen miesen Chef schreibt, zieht man sich in seiner freien Zeit gewöhnlich lieber zurück und beschallt die eigenen vier Wände je nach Altersgruppe mit „Revolution“, „I Want To Break Free“ oder „American Idiot“.

La vida es sueño. Behrens betont fortwährend den Traumcharakter der Popkultur: wir hätten es mit Traumresten, – scherben zu tun, die seit knapp 150 Jahren kollektiven Träumens immer wieder recycelt würden. Dies schaffe ein kulturelles Netz, in dem alles mit allem verbunden ist, oder, wie es der Popkritiker Diedrich Diederichsen sagt:

Ein ewiges laterales Apropos verknüpft alle Gegenstände der Welt als immer schon Kunstgegenstände und Bedeutungsspeicher endlos miteinander. Zu allem fällt uns eine andere Fernsehserie, ein anderes Kunstwerk, eine berühmte Kameraperspektive, ein abgehalfterter Star, ein berühmter Satz […] ein. (88/89)

Behrens nennt diese Scherben, Versatzstücke auch „Hieroglyphen der Massenkultur“, die immer wieder neu interpretiert und zusammengefügt werden können, und zwar auf so vielfältige Weise, dass eine Missinterpretation gar nicht möglich sei. Aus diesen einzelnen Hieroglyphen füge sich dann jeder seinen eigenen Stil zusammen, seine eigene Geschichte, die er dann am neuzeitlichen Lagerfeuer mit den anderen teilt.

Das wäre an sich ja noch gar nicht so schlimm. Leider kommt jedoch hinzu, dass Popkultur wie alle Kultur zunehmend einen Warencharakter annimmt. Dadurch träten eigene, originäre Stile immer seltener auf, denn „Konsum ist das Gegenteil von Stilbildung, deren Antipol“ (84). Behrens meint:

Überhaupt mündet die ganze Kulturindustrie in Reklame: Popkultur ist der Zwischenschritt von der Kulturindustrie zur Reklame. In der Popkultur wird es schließlich möglich, radikal zu kritisieren und genau damit noch Werbung für die Welt zu machen, gegen die vorgegangen werden soll. (181)

So, als würde Apple das das Rilke-Mantra mit Backgroundgesang in eine seiner iPhone-Werbungen für karrieregeile Manager integrieren. Oder so, wie die Beatles (unfreiwillig?) für Apple und tausend andere Dinge Werbung machen. Neulich versuchte ich, die Version des Beatles-Liedes „Strawberry Fields“, die mich damals zu MTV-Zeiten so mitgerissen hatte, auf YouTube zu finden, doch ich fand tatsächlich nur einen von Apple gesponserten Zusammenschnitt. Seitdem frage ich mich: Sind Menschen, die sich nur über das popkulturelle Koordinatensystem definieren, ohne es zu hinterfragen, nicht schlimmer als Menschen, die darin gar nicht aufzufinden sind? Oder, wie Settembrini im Zauberberg schon sagte: „Musik … verführt [dazu], sich zu beruhigen. … Ich hege eine politische Abneigung gegen die Musik. … Musik allein ist gefährlich.“

 

 

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