Westliches Denken vs. Östliches Denken

oder: Was ich durch die Korrektur der Masterarbeit einer Chinesin über ihre Muttersprache erfahren habe

Früher in der Schule habe ich mich gewundert, warum bei meinen Erörterungen immer eine so schlechte Note rauskam. In allen anderen Textsorten – Gedichtinterpretation, Figurenbeschreibung,  – erzielte ich die besten Ergebnisse, und dann – bämm – drückte die eine fiese Erörterung am Ende des Halbjahres noch mal so richtig die Gesamtnote nach unten. Oder sie kam am Anfang des Jahres und ich musste das restliche Jahr so richtig ackern und schwitzen, um den Schnitt wieder nach oben zu bringen.

Damals konnte ich mir nicht erklären, woran es lag; ich schrieb doch zuhause brav meine Übungsaufsätze, hatte gute Argumente parat und mein Schreibstil war auch nicht übel. Heute weiß ich ein bisschen mehr über mich selbst, ich weiß, dass es an der Struktur meiner Texte lag, dass ich keine logische Denkerin bin, dass es mich langweilt, Argumente groß auszuführen. Dass ich meine Gedanken eher assoziativ, manchmal sprunghaft, verbinde (was einen gewissen lieben Herrn R. manchmal ein wenig zur Verzweiflung bringt). So oft ich mir die Tänzerin auf der Gehirntest-Seite ansehe, sie dreht sich jedes Mal nach rechts herum (was für eine starke Beanspruchung der rechten, kreativen Gehirnhälfte spricht).

Eines ist jedenfalls klar: Wäre ich in China aufgewachsen und hätte die chinesische Schullaufbahn durchlaufen, hätte ich die Erörterungen mit Bestnoten gemeistert. Denn das, was die Chinesen als „Erörterung“ bezeichnen, ist oftmals eine Ansammlung von persönlichen Erlebnissen, Zitaten alter Meister und Chengyus (Sprichwörter bestehend aus vier Zeichen), die stets so willkürlich zusammengeschustert werden, dass Leute aus dem Westen nach der Lektüre wie der Ochs vorm Berg dastehen. Ein Beispiel (zum Thema „Darf die Tochter ihren eigenen Vater bei der Polizei melden?):

Man redet von aizhishen, zezhiqie (Je mehr Liebe man gibt, desto mehr Verantwortung hat man.). Auf einem bestimmten Niveau steht die Beziehung nicht im Gegensatz zum Recht. Mengmusanqian (Die Mutter von Menzius war dreimal umgezogen, um Menzius eine gute Erziehung zu geben. Heute bedeutet es: Die Eltern bemühen sich sehr darum, ihren Kindern das Beste zu bieten.) und yuemucizi (Die Mutter von Yue Fei hat jingzhongbaoguo „Man sollte das eigene Land schützen“ auf den Rücken von Yue Fei tätowiert.) sind ein Ausdruck dieser Liebe. Der Sohn wird wegen eines Fehlers von der Mutter geschlagen. Die Mutter ist auch traurig. Die Tochter Xiao Chen will die Sicherheit des Vaters garantieren, doch es fällt ihr auch schwer, diese Entscheidung zu treffen.

Ein Text, aus dem ein Westler kaum eine sinnvolle Argumentationslinie herauslesen kann.

Der Grund dafür liegt, wie so oft, in den sprachsoziologischen Unterschieden zwischen den beiden Himmelsrichtungen. Während die germanischen und romanischen Sprachen auf dem linear-aristotelischen Modell beruhen und sich die Texte direkt auf das Objekt, das behandelt wird, beziehen, entfalten sich Texte ostasiatischen, „orientalischen“ Ursprungs oft spiralförmig: Man redet „um den heißen Brei herum“, entwickelt Geschichten rund um den Kern der Sache, reiht verschiedene Denkanstöße  ohne klare Verbindung aneinander – aus denen sich der Leser den Standpunkt selbst zusammenbasteln muss. Einer der Urheber dieser Theorie ist der amerikanische Sprachwissenschaftler Robert B. Kaplan, der auch ein Schema dazu erstellt hat:

Textstruktur nach Kaplan.jpg

Das Interessante ist, dass sich dieses spiralförmige Denken auf allen Ebenen der jeweiligen „orientalischen“ Sprache zeigen kann – angefangen bei der einfachen Ebene der Wörter. So lautet beispielsweise das chinesische Wort für „Bibliothek“ (tushuguan), eine Verbindung aus drei Bedeutungseinheiten, wörtlich übersetzt „Bilder-Bücher-Gebäude“ oder „Gebäude, in dem Bilder und Bücher aufbewahrt werden“ – während in den germanischen und romanischen Sprachen nur ein einfaches Wort dafür ausreicht (z.B. das englische library). Genauso wirkt sich das Modell auf der Ebene der Sätze aus: Chinesen stellen oft die eher „überflüssigen“ Informationen wie Zeit, Ort oder Umstand an den Satzanfang und präsentieren das Ergebnis erst am Satzende: 我正要上床睡觉,他进来了 – wörtlich: „Ich wollte gerade ins Bett gehen, er kam herein“. Im Deutschen würde man wohl eher sagen: „Er kam herein, als ich gerade ins Bett gehen wollte.“

Pengsun und Aimiao, Autoren eines Aufsatzes über den Einfluss des chinesischen Sprachsystems auf das Fremdsprachenlernen der Chinesen (http://www.cscanada.net/index.php/hess/article/viewFile/j.hess.1927024020130501.1007/pdf), erklären auch, wieso die chinesische Diskursführung auf Westler häufig unverständlich wirkt: „Chinese [people] state their theme in a more roundabout way when they write. […] they think that any sentence, if it is related to the topic, can be put together to form one paragraph. However, it is difficult to understand […] the writer`s intentions if people do not read it to the end.“ (7) Chinesen bauen ihre Texte wie eine Zwiebel auf, mit mehreren unverbundenen Schichten an Argumenten, Beispielen und Belegen. Wenn der Leser diese Zwiebel nicht vollständig, bis zum Innersten, häutet, wird er nicht dahinter kommen, worauf der Text nun eigentlich hinauswill.

Dazu kommt, dass in germanischen und romanischen Sprachen das Konzept der Abstraktion eine viel größere Bedeutung hat, während die chinesische Sprache dazu neigt, viele konkrete Begriffe zu benutzen. „Chinese thinking mode is visual, so Chinese tends to concrete in wording. What is more, Chinese usually use concrete images to express the abstract content.“ (8) Ein Fakt, der viele Übersetzer aus dem Chinesischen zur Verzweiflung bringt – ganz einfach aufgrund der schieren Fülle an Bildern, die man unmöglich so ins Englische oder Deutsche transportieren kann.

Ein Fazit, das Pengsun und Aimiao aus dem ganzen oben genannten ziehen, ist, dass der chinesischen Sprache ein synthetisches, holistisches Denkmodell zugrunde liegt. Alles wird in Relation gesehen: es gibt zum Beispiel nie einfach nur das „Gute“ und das „Böse“, sondern das eine definiert sich erst im Relation zum anderen. Argumentiert wird nicht mit Hilfe strenger, logischer Beweisführung, sondern mit Hilfe von Gleichnissen und Geschichten. In der westlichen Kultur muss ein Geschehen stets eine Ursache und eine Wirkung haben, während in der asiatischen Kultur immer alles in beständigem Wandel ist und man eine Ursache gar nicht so ohne Weiteres bestimmen kann (vgl. auch http://blog.web-welten.de/2005/11/26/eine-gegenuberstellung-unsere-westliche-und-die-asiatische-denke/). (Ein bisschen wie bei den berühmten Hopi-Indianern, die nur dynamische Verben kennen, weil sie die Welt als Kontinuum, nicht als Zustand wahrnehmen.)

Und es gibt nicht wenige, die diese „asiatische Denke“ maßlos verwirrt und aufregt. So zum Beispiel „Andy“, eine der Protagonistinnen in der chinesischen Serie Ode to Joy, die zwar in China geboren, aber in den USA aufgewachsen ist. Als sie mit Anfang 30 wieder nach China zurückgeht, versteht sie zwar die Sprache, jedoch nicht das Denken der Chinesen. Anfangs wirkt sie, als hätte man sie auf einem fremden Planeten ausgesetzt: allzu bildhafte Ausdrücke versteht sie nicht, und sie eckt bei ihren Mitarbeitern mit ihrer offenen, „westlichen“ Art, Kritik zu üben, an. Als sie sich bei einer Nachbarin wegen Ruhestörung beschweren will und diese versucht, sich auf Chinesisch bei ihr einzuschmeicheln und ein wenig hinzuhalten, lässt sie sich gar nicht auf diesen Diskurs ein, sondern sagt klipp und klar auf Englisch: „I need sleep.“ Sicher spannend zu beobachten, wie sehr sich die beiden Diskurssysteme in den nächsten Jahrzehnten noch vermischen.

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