Das Schlusslicht #9

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oder: Sie sind wieder mal hier

Dies hier gehört wieder in die Kategorie „Imaginäre Reisen“ (siehe Das Schlusslicht #4). Erstes Ziel diesmal: Graz. Dort, wo der obskure Erfinder und Verfechter der freien Energie, Nikola Tesla, studiert hat (und nie seine Studiengebühren gezahlt hat). Dort, wo Clemens Setz seine Romane schreibt, die voller Verweise auf übersinnliche Themen und technisch-spirituelle Zukunftsvisionen sind. Dort, wo Tarek Al-Ubaidi das Internet-Radioprogramm „cropfm“ betreibt, das „Radio aus der Vorstadt der Wirklichkeit“, dessen Sendungen sich mit Themen wie Kornkreise, Alternative Wissenschaft und Medizin, Bewusstseinskontrolle und UFOs beschäftigen.

In meiner Vorstellung fliegen über Graz des Nachts UFOs, in den Feldern rings um die Stadt wimmelt es von Kornkreisen und die Bewohner bewegen sich mittels elektromagnetischer Felder fort (bis auf Clemens Setz, der gerne mal auf dem Tandem durch die Stadt gurkt). Vergangenen Herbst sollen über Graz sogar UFOs gesichtet worden sein. Die Uhren gehen in dieser Stadt auf jeden Fall buchstäblich ganz anders als im Rest Österreichs: der große Zeiger der Turmuhr auf dem Grazer Schlossberg zeigt, im Gegensatz zu konventionellen Uhren, die Stunden an, der kleine die Minuten, sodass man den Eindruck bekommt, die Zeit würde irgendwie rückwärts oder sonstwohin laufen. Man bekommt den Eindruck, dass in dieser Stadt Einiges schief gewickelt ist.

Vielleicht ist Graz ja das europäische Roswell, letztere steht immerhin für den Gründungsmoment der UFO-Hysterie, „the moment when the scales fell from the American government`s eyes and the reality of our place in the universe became clear“, wie Mark Pilkington in seinem umfassenden Werk Mirage Men: A Journey In Disinformation, Paranoia And UFOs meint. Einen großen Teil der UFO-Erscheinungen kann man wohl tatsächlich den Military und Intelligence Agencies zurechnen, die seit dem Zweiten Weltkrieg existieren und bereits im philippinisch-amerikanischen Krieg per Megaphon aus den Flugzeugen „die Stimme Gottes“ über den Köpfen der zu Tode erschreckten Ureinwohnern erklingen ließen. Sie waren wohl auch maßgeblich an der Affäre „Paul Bennewitz“ beteiligt, ein talentierter Physiker, der  jahrzehntelang gezielt mit falschen Informationen gefüttert wurde, die dann über ihn zu den UFO-Kreisen hinabsickern sollten. Ihm wurde sogar ein PC zur Verfügung gestellt, mit dessen Hilfe er „decoded messages“ entschlüsseln sollte, die direkt von unseren extraterrestrialen Mitbewohnern stammen sollten. Die ganze Angelegenheit führte Bennewitz an den Rand des Wahnsinns: irgendwann war er der festen Überzeugung, Aliens würden nachts in sein Haus einsteigen und ihn mit Drogen vollpumpen; manchmal wachte er morgens auf und fand sich hinter dem Steuer seines Wagens in der Wüste New Mexicos wieder.

Theorien, wieso – falls tatsächlich schon Aliens Mutter Erde heimgesucht haben – die Regierung es immer noch vor den Menschen verheimlicht, gibt es genügend. Einer von Paul Bennewitz` Informanten, Rick Doty (den der Autor des Buches sogar mehrere Male persönlich trifft), ist der Überzeugung, dass die Aliens tatsächlich über eine Art „freie Energie“ verfügten, die, wenn sie einmal unter den Erdenbewohnern bekannt würde, sofort zu globalem Chaos und dem Zusammenbrechen des Systems führen würde. Eine andere Theorie der UFO-Gläubigen besagt, dass die Aliens wir selbst sind, genauer gesagt: unsere Nachfahren; auch in diesem Fall würde die Regierung die Sache geheim halten wollen, denn: „[I]magine the pressure placed on our rulers if they knew that they could change history – or that the enemies could.“

Das UFO-Phänomen ist natürlich bereits seit langem fest im (pop)kulturellen Gedächtnis verankert: „It`s a message that has been repeated and retold so often over the years that it has begun to carve permanent tracks into the memories of those who hear it, shedding their uncertainties and taking on the familiarity of truth.“ Schon 1949 wurde in Ecuador eine Massenpanik ausgelöst, nachdem man Orson Welles`Science-Fiction-Klassiker War Of The Worlds als Hörspiel übers Radio übertragen hatte. Weiterer interessanter Fun Fact: Auch Woody Allen war bzw. ist ein UFO-Jünger und hat darüber sogar mal einen Bericht für den New Yorker verfasst.

Doch auch in der Wissenschaft hat man sich natürlich mit dem Phänomen beschäftigt; Soziologen haben – nicht überraschend – bei Anhängern des UFO-Kults dieselben psychologischen Denkstrukturen wie bei Anhängern religiöser Kulte festgestellt: „Festinger found that if someone believes something to be true, and all the evidence suggests that it isn`t true, then, rather than restarting their life with a new set of beliefs, they will often cling more fervently to the old ones, generating new explanations for the conflict in their reality.“ Wie bei vielen Anhängern eines Glaubens zwingt ihre „delusion“ sie dabei meist nicht, ein ganz anderes Leben zu beginnen: „Paraphrenia is a form of mental illness that doesn`t interfere with your everyday life. It means that you can have a delusion and not be crazy, a delusion that you can confine and control. Many of us have one corner of the mind that is delusional…“ Dies spricht auch für die Zugehörigkeit des UFO-Phänomens zur Popkultur: Sie wendet sich zwar oberflächlich gegen das bestehende System, lässt sich aber doch furchtbar einfach in den Alltag integrieren und steht am Ende gar nicht mehr im Gegensatz zum System, bestätigt es vielmehr noch, indem es der Fantasie der Menschen kleine „Luftlöcher zum Atmen“ lässt.

Dennoch kann eine UFO-Begegnung auf den einzelnen Menschen eine unheimliche Wirkung haben, wie eine religiöse Epiphanie: „In the right mindset, a UFO encounter can become a moment of ontological castastrophe, in which the boundaries that separate reality and fantasy, the forces that generate cause and effect, break down. The divisions between quotidian reality, our memories, dreams and imagination are not as sharply delineated as we like to think, and UFOs glide seamlessly between all these states of mind…“.

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