Vom „richtigen“ Sehen

In letzter Zeit habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie man Objekte so darstellen kann, dass sie nicht statisch und bedeutungslos, zufällig wirken, sondern dem Text etwas „geben“, ihm vielleicht sogar eine Bedeutungsebene hinzufügen. Möglicherweise denkt man bei diesem Thema zuerst an die Malerei, an das „innere Auge“, an „Mal nicht, was du weißt, sondern was du siehst“. Dieses Credo lässt sich auch auf das Schreiben übertragen.

In Hélène Cixous` Vivre L`Orange („Die Orange leben“) geht es unter anderem sehr stark um Objekte und das richtige „Sehen“. Cixous beschreibt in dem Essay eine Schreibkrise, die sie monatelang verfolgt:

In these sad and forgetful times… a cold, glacial air is blowing around our souls, around the words, around the moments, our ears are frozen, the years have four winters and our ears hibernate, we have need of translation.

cixous-helene-vivre-lorangeCixous` Krise hat mit einer gewissen „Kälte“ zu tun, die alle Dinge, auch ihre „Wahrnehmungswerkzeuge“, umgibt und ihre Wahrnehmung taub werden lässt. Erst die Lektüre der brasilianischen Autorin Clarice Lispector hilft ihr, die Dinge wieder „ins rechte Licht“ zu rücken; sie bringt ihr ein Sehen bei, das mit einer gewissen „Unschuld“ zusammenhängt: ein Sehen ohne Voreingenommenheit, ohne Engstirnigkeit, ohne eine bestimmte Absicht:

[…] it requires unclothing sight all the way down to naked sight, it requires removing from sight the looks that surround, shedding the looks that demand, like tears, dis-regarding to arrive at sight without a project, contemplation.

Diesen Zustand der „Unschuld“ jedoch kann man, genau wie die Inspiration, kaum kontrollieren, er setzt plötzlich ein und kann durch den geringsten Anflug von (Selbst-)Zweifeln wieder zerstört werden – oder durch das plötzliche Fühlen der Schwere der Existenz:

The idea of having to drive off death, to go back through hate and destruction again in order to go and love a leaf in the middle of life, discourages me, and often, I renounce, I forget, I withdraw into the forgetfulness of living.

Der Zustand der „Unschuld“ erfordert also Mut, Beharrlichkeit und Spontaneität (die letzteren beiden Dinge schließen einander aus eigener Erfahrung leider oft aus).

Vorschläge, wie ein Objekt „richtig“ zu betrachten sei, bietet auch Sarah Bakewells Das Café der Existenzialisten, das  randvoll mit den Ideen der Existenzialisten und Phänomenologen ist. Dabei sind es gerade die Phänomenologen, die die Blaupause für das „richtige Sehen“ liefern. Die Phänomenologie allgemein arbeitet mit der Prämisse, dass man den Gegenstand der Betrachtung aus seinem gewöhnlichen, alltäglichen Umfeld herauslösen muss, bewusst alles vergessen muss, was man über diesen Gegenstand weiß, um ihn „richtig“ zu sehen.

Laut Heidegger beispielweise passiere das „echte“ Sehen gerade dann, wenn plötzlich der Alltag nicht mehr so reibungslos abläuft wie 9783406697647_largegewöhnlich, wenn er plötzlich „keine gleichmäßig surrende Maschine mehr [ist], sondern eine Ansammlung störrischer Objekte“ (Clemens Setz würde hier vermutlich wieder von einem „Glitch“ sprechen). Dann tut sich auf einmal ein Leerraum auf, ein Riss in der Alltagswelt, in dem man das Objekt, das man vor sich hat (zum Beispiel ein nicht mehr funktionierendes Heftgerät) zum ersten Mal bewusst betrachtet, seine Verbindung (und die Verbindung meines Plans, etwas zusammenzuheften) zur übrigen Welt – und plötzlich denkt man vielleicht auch poetisch über das Objekt und die es umgebende Welt nach.

Simone de Beauvoir war ähnlicher Ansicht; ihr schien die Fähigkeit, täglich mit einem Staunen durch die Welt zu schreiten, in die Wiege gelegt worden zu sein. Für sie beginnt Literatur dann, „wenn irgendetwas im Leben aus den Fugen gerät“, „wenn die Realität aufhört, selbstverständlich zu sein“. Auch Sartre vertrat dieses Konzept; in seinem Werk Der Ekel zeigt sich allerdings auch die negative Seite dieser Fähigkeit: Für den Protagonisten Roquentin zeigen sich die Dinge ebenfalls aus dem Kontext des Alltäglichen gelöst, allerdings nehmen sie beängstigende Formen und Konsistenzen wie „schleimige Marmelade“ an.

Eines meiner absoluten Vorbilder in Sachen „unkonventionelle Betrachtung von Objekten“ ist Clemens Setz. Er erwähnt in seinem letzten Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre das Konzept der „luminous details“ – eine Poetologie des Sehens, die auch den Leser mit einschließt. „Luminous details“ sind Bilder, Objekte, Erscheinungen, die einem Autor nicht sofort in den Sinn kommen, wenn er eine Szene beschreiben will, die scheinbar nichts mit der Handlung zu tun haben. Für diese Bilder/Objekte/Erscheinungen gelten die Kriterien, die wir bereits vorher festgelegt haben: sie setzen ein Sehen ohne Voreingenommenheit voraus, ein konkretes, spontanes, unschuldiges Sehen, das den Gegenstand nicht instrumentalisiert. Bei Setz kommt noch hinzu: der Gegenstand wird nicht – zumindest nicht sofort – interpretiert, an seinen Platz im Textgefüge verwiesen, sondern steht vorerst einfach nur da.

Als Beispiel könnte man hier auch die „Thomassons“ anführen, die Setz in seiner ersten Poetikvorlesung „Strahlenkatzen und Literatur“ an der Universität Tübingen (2005) erwähnt: „Thomassons“ sind Objekte, auf die man im Alltag stößt und die keinen offensichtlichen Zweck (mehr) erfüllen – etwa ein einsamer Briefkasten an einem Zaun vor einem leer9783899293364en Grundstück. Laut Setz‘ Poetologie sind es diese kleinen Details, die einen Text überdauern: um sie herum zentriert sich für einen Leser unbewusst die Handlung, und sobald man sie erwähnt, fällt ihm gleich die ganze Szene wieder ein. So könnte der einsame Briefkasten zum Beispiel in einer Szene vorkommen, in der der Protagonist von seiner Freundin verlassen wird, und immer, wenn der Leser nun an einen solchen Briefkasten denkt oder einen sieht, wird er – vorausgesetzt, der Briefkasten wurde geschickt in den Text eingebaut – sich an die Szene erinnern, an das Gefühl des Verlassenwerdens (natürlich ist es auch legitim, den Briefkasten im Text später noch aufzugreifen).

Dabei gebührt Setz der Verdienst, aus den „luminous details“ selbst luminous details gemacht zu haben – denn jedes Mal, wenn mir der Begriff nun unter die Augen kommt, muss ich an Szenen aus seinem Roman denken.

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4 Gedanken zu “Vom „richtigen“ Sehen

  1. Setz passt perfekt zum richtigen Sehen! Ich habe schon öfter versucht ähnliche Effekte zu beschreiben und bin dann bei Setzianischem oder Setz-Momenten gelandet. Seine kleinen Bilder brennen sich mit solch einer Wucht ein, dass sie mich auch lange nach der Lektüre von ‚Indigo‘ oder ‚Die Stunden zwischen Frau und Gitarre‘ noch begleiten oder ich davon erzählen muss. Eine schöne Verbindung zeigst du da auf!
    Herzliche Grüße 🙂

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    1. Vielen Dank! Ja, ich muss sagen, dass gerade „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ mich in meinem eigenen Schreiben in letzter Zeit auch beeinflusst hat… aber wie gesagt, diese Momente kommen nicht immer, man muss dazu in einer besonderen Stimmung sein… mir fällt das englische Wort „lofty“ ein – so ein wenig „über allem schwebend“… Zu dem Gefühl passt auch der Titel des Buchs mit seinen Poetikvorlesungen „Verweilen unter schwebender Last“… einfach die Last des Alltagskontextes abstreifen… Jedenfalls schön, hier in der Bloggerwelt mal auf einen Clemens Setz-Fan zu stoßen 🙂

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  2. Ich finde es treffend, daß am Anfang die Malerei erwähnt wird, in der ja auch das Problem oder besser gesagt der Wunsch besteht, Objekte so darzustellen, dass sie uns etwas „geben“. Die Schwierigkeit, dies zu erreichen, ist durch die im Gegensatz zur Sprache eingeschränktere stumme Bildsprache dort höher. Dass dies dennoch erreicht werden kann, zeigen uns viele hervorragende Beispiele. Aber : wie sehr die Maler/innen darum gerungen haben und wie sehr die Schriftsteller/innen darum bei jedem neuen Text ringen, kann man sich nur wenig vorstellen, es sei denn man ist selber kreativ tätig. Und : wie sehr sind wir auch als Betrachter/innen eines Werkes gefordert, dasjenige was es uns geben kann auch tatsächlich wahrzunehmen.

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