Das Schlusslicht #10

Vorsicht Spoilergefahr!

„Heal the world by writing a better story“ – diese Worte fielen neulich in der Radiosendung Mysterien, Mindfuck und Magie, auf meinem versponnenen Lieblingsinternetsender cropfm. Geäußert hat sie Jeffrey Kripal, ein unkonventioneller Religionswissenschaftler aus Texas, der seit einigen Jahren mit Büchern an der Schnittstelle von Popkultur, paranormalen Phänomenen und religiösen Mythen Aufmerksamkeit erregt. Eine seiner Grundthesen lautet, dass die Menschen den Drang haben, alte Mythen ständig durch neue zu ersetzen, sie zu aktualisieren und in ihren jeweiligen Lebenskontext einzupassen – so wird beispielsweise aus Hermes, dem antiken Götterboten und Wanderer zwischen den Welten, „Flash“ aus dem DC-Comicuniversum, der sich übermenschlich schnell  und  durch verschiedene Dimensionen bewegen kann. Was durch die Generationen und Zeitalter hindurch gleich bleibt: die archetypischen Elemente und Figuren.

Auch die Serie Twin Peaks und das neue Buch von Mark Frost, The Secret History of Twin Peaks, strotzen vor Archetypen. Da ist die Log Lady, eine Art lebendes Orakel, das den Bewohnern der kleinen Stadt ihre Weisheiten in rätselhafter Form präsentiert. Da sind all diese betörend aussehenden Frauen, Sirenen, die die Männer in der Serie immer in eine bestimmte Richtung zu lenken wissen (Musterbeispiel: Josie Packard). Und natürlich BOB, der Schatten (Thanatos, der dunkle Triebe symbolisiert), der sich an verschiedene Menschen heften kann. Von einigen dieser Archetypen erfährt man in The Secret History of Twin Peaks die Vorgeschichte – so hatte die Log Lady beispielsweise in ihrer Jugend ein prägendes Erlebnis, das man als Entführung durch Aliens interpretieren könnte. Enthüllt wird auch die Vergangenheit von Josie Packard: sie war in früheren Jahren Anführerin einer Gang in Hongkong und steht in Verdacht, damals ihren eigenen Vater getötet zu haben. (Mit diesem Wissen im Hinterkopf hätte man ihr wohl von Anfang an nicht über den Weg getraut.)

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Zugleich verweist The Secret History of Twin Peaks in die Zukunft: Rätsel aus dem Serienfinale der (vorläufig) letzten Staffel werden aufgelöst. So erfährt der Leser, dass Audrey Horne die Explosion in der Bank überlebt hat. Auch durch eine neu eingeführte Person werden möglicherweise Weichen für die Zukunft gestellt:  „T.P.“, Tamara Preston, eine FBI-Agentin, die alle Geschehnisse im Buch kommentiert. Wird sie in der nächsten Staffel Agent Cooper zur Seite stehen? Nicht zuletzt werfen auch die Geschehnisse und Zeitdokumente selbst ihre Schatten voraus: Besonders zum Ende des Buches hin lauert fast die ganze Zeit über das Thema „Aliens“ im Hintergrund. Es werden Geheimakten der Air Force „enthüllt“ und einmal wird sogar ein leibhaftiges alienartiges Wesen in einem Schutzkäfig beschrieben.

Das Erzähluniversum von Twin Peaks konzentriert sich  auf Stufe 1 und 3 des „Fantastik“-Modells, das Jeffrey Kripal für die Entwicklung der Erklärungen mystischer Phänomene in der Literatur aufgestellt hat: Divination (das Paranormale kommt von den Göttern)  – Orientation (das Paranormale kommt aus dem Osten) und Alienation (das Paranormale kommt aus dem Weltall). Damit hatte die Serie bei der ersten Ausstrahlung in den 90er-Jahren bereits einen gewissen Retro-Charme, denn viele Comics und Filme hatten zu der Zeit bereits die Stufen 4 (Radiation: Strahlung ist verantwortlich für das Paranormale) oder 5 (Mutation: Genmanipulationen sind verantwortlich für das Paranormale) erklommen (der erste Spiderman-Comic, in dem eine radioaktive Spinne für die paranormale Umwandlung des Helden verantwortlich ist, erschien bereits 1962). Außerdem auffällig: Die Serie und das Buch verweigern sich durch ihre Konzentration auf „Divination“ und „Alienation“ wissenschaftlich „nachvollziehbareren“, „moderneren“ Erklärungsansätzen des Mystischen wie „Radiation“ und „Mutation“. Es ist nicht beweisbar, ob BOB und die anderen mystischen Gestalten wirklich existieren und woher sie stammen; sie sind mit irgendwelchen schlau erdachten Gerätschaften nicht zu besiegen, man ist ihnen vollkommen ausgeliefert. Ihre Magie ist diffus; sie kann auf sämtliche Lebewesen überspringen, ohne sich in nur einer Person zu sammeln (im Gegensatz zu herkömmlichen Comic- oder Serien-Universen, in denen meist nur die „Guten“ und die „Bösewichte“ mit Superkräften ausgestattet sind – vielleicht liegt es daran, dass bei Lynch genau auch diese Unterscheidung aufgeweicht wird).

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The Secret History of Twin Peaks ist dabei noch mehr im Esoterischen verankert als es die ersten beiden Staffeln der Serie waren. Tatsächlich verwertet Frost so ziemlich alles, was die gegenwärtige Esoterik-Literatur hergibt: den Roswell-Mythos und die „Men in black“, Lemuria und Atlantis, Gerüchte über Knochen von „Riesenmenschen“, die man im Westen Amerikas gefunden haben soll. Er zieht auch noch die entferntesten Verbindungen und zitiert obskure esoterische Autoren wie etwa Erich von Däniken (den ich in einem englischsprachigen Buch wirklich nicht erwartet hätte, aber tatsächlich sind fast alle seine Bücher ins Englische übersetzt worden). Irgendwann hat man das Gefühl, mitten in einem gigantischen Netz aus lauter Verschwörungstheorien zu sitzen, das sich wie von selbst immer weiter fortspinnt. Oder, wie es Special Agent Tamara Preston ausdrückt: „It`s a hall of mirrors“ – wir lesen eine Geschichte, in der sich ein Mythos widerspiegelt, der wiederum auf eine anderen Mythos verweist und so weiter.

Damit beschäftigt sich das Buch auf der Metaebene auch mit der Bedeutung von Mythen für unser Leben und damit mit den Kripalschen Konzepten der Stufen 5 und 6: Realisation (der Mensch erkennt, dass alle Mythen nur fiktive Geschichten sind) und Authorisation (der Mensch erfindet seine eigenen Mythen). Selbst wenn er die Stufe der „Realisation“ bereits hinter sich gelassen hat, besitzt der Mensch immer noch das Bedürfnis, die Realität mit Mythen anzureichern – und notfalls kreiert er diese dann eben selbst. Gleichzeitig sieht er alles Magische bzw. Unerklärte immer durch den Filter dessen, was er bereits gelesen oder gesehen hat – sodass all die Mythen immer auf ein bestimmtes Grundmuster bzw. Archetypen zurückzuführen sind. Es ist ein bisschen wie mit der Popkultur allgemein: Man denkt, man hat eine tolle neue Band entdeckt, die ganz anders ist als alles, was man jemals zuvor gehört hat und die im eigenen Leben einen neuen Abschnitt einleitet, einen auf eine gewisse Art „rettet“, „ausbrechen lässt“ – und dann stellt man plötzlich fest, dass sie eigentlich auch nur bei Joy Division geklaut haben und das Leben doch wie vorher in gewohnten Bahnen weiterläuft.

Obwohl sie in den letzten Jahr immer mehr Bestandteil der Popkultur geworden sind, können sie dennoch mehr als die Scheinversprechen des Pop bewirken:

A wise man once told me that mystery is the most essential ingredient of life, for the following reason: mystery creates wonder, which leads to curiosity, which in turn provides the ground for our desire to understand who and what we truly are.

Ohne die verlockende Anziehungskraft der Mysterien hätten wir wahrscheinlich niemals die Bakterien entdeckt, wären niemals ins Weltall geflogen. Und viele großartige Schriftsteller hätten niemals versucht, eine noch bessere „Story“ zu schreiben.

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2 Gedanken zu “Das Schlusslicht #10

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