Grenzgänge am Untersberg

Schon früh am Morgen sitzen wir im Zug nach Salzburg, der an diesem Wochentag voll von alten Leuten ist, die nach Apfelstrudel und Spüllappen riechen. Erinnert mich irgendwie an meine Kindheit, an die Küche meiner Großeltern. Aus meinen Kopfhörern dringen Echo and the Bunnymen – And shaking while I`m breaking/Your brittle heart… Ich verstehe jedes Mal „your pretzel heart“.

Wir sind auf dem Weg zur bayerisch-österreichischen Grenze, die erste Grenze, die wir in diesen fünf Tagen mehrfach überschreiten werden, ohne es immer vollständig zu realisieren. Am zweiten Tag merken wir erst an dem weiß-blauen Fähnchen, das in unserem Fischfilet steckt, dass wir uns (wieder) in Bayern befinden. Der Untersberg liegt  wie ein schlafender Riese nämlich genau auf der Grenze zwischen Deutschland und Österreich, und da wir uns ihm von verschiedenen Seiten aus nähern, befinden wir uns mal in dem einen, mal in dem anderen Land.

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Die zweite Grenze, an die uns diese Reise bringt, ist die zwischen Realität und Fiktion. Als Hintergrundlektüre haben wir nämlich zwei esoterische „Reiseführer“ im Gepäck: Magisches Berchtesgadener Land von Rainer Limpöck und den Roman Die Steine der Macht von Wolfgang Stadler („Stan Wolf“). Während sich über die literarische Qualität des letzteren Werkes streiten lässt, legt es doch einige spannende Fährten, auf die man sich bei einer Untersberg-Wandertour begeben kann: So erzählt Stadler im ersten Band von einem angeblichen Geheimprojekt Hitlers, der im Untersberg einen magischen Stein versteckt haben soll, mit dessen Hilfe sich anscheinend ungeheure Energien erzeugen lassen. Die Idee dafür soll er einem Deckengemälde der Kirche Maria Ettenberg (die genau auf einer Linie mit dem Berghof Hitlers auf dem Obersalzberg und einem geheimen unterirdischen Gewölbe liegt) bekommen haben, auf dem ein Lichtstrahl, ausgehend von einer Madonna, durch einen Spiegel reflektiert wird und auf einen blauen Edelstein fällt. Wir besichtigen am zweiten Tag unserer Reise selbst diese Wallfahrtsstätte, können jedoch keine ungewöhnlichen Energien in oder rund um die Kirche feststellen.

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Überhaupt beschreibt Stadler im Roman seine „Fundorte“ nur vage, sodass selbst eingefleischte Fans seiner Bücher die Suche irgendwann frustriert abbrechen. Laut Stadler sollen ungefähr 60% der Fakten in den Büchern der Realität entsprechen, 40% habe er selbst hinzugedichtet. Doch woher sollen wir wissen, welche „Variablen“ nun stimmen und welche nicht? Wo hört die Realität auf und fängt die Fantasie an? Irgendwann ertappen wir uns schon selbst dabei, wie wir wie selbstverständlich vom Nazi-General Kammler sprechen, der laut Stadler irgendwo im Berg hausen soll.

Neben diesen relativ modernen gibt es noch die traditionellen Mythen, die sich um den Untersberg ranken. Unter anderem soll dort auch Karl der Große eine Heimat gefunden haben. Er soll irgendwo im Berg schlummern, „bis seine Zeit gekommen ist“. Vielleicht kann er durch das „Karlsohr“, eine der zahlreichen Löcher im Berg, nach draußen lauschen?

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In einem weiteren Loch, dem „Nixloch“, soll man die Stimmen der „Untersbergmandl“, der Zwerge im Untersberg, vernehmen können. (Mein Freund, der sich hineinwagt, hört dort allerdings nur das bedächtige Flügelflattern schlafender Fledermäuse.) Auch der berühmt-berüchtigte okkulte Autor Erich von Däniken soll schon einmal hier gewesen sein und die Höhle erkundet haben.

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Es gibt noch eine Grenze, bei der wir nie wissen, ob wir uns nun auf der einen oder auf der anderen Seite befinden. Es ist eine Grenze, die die Natur selbst uns aufzwingt: Inwieweit stellt sie für uns eine heilende Kraft dar und inwieweit eine unberechenbare Gefahr? Am ersten Tag, als wir nach einer anstrengenden Wanderung auf dem Gipfel auf dem Balkon unserer Pension ausspannen, fühle ich mich so belebt wie schon lange nicht mehr. Ich habe das Gefühl, fernab von der Welt und all ihren Gräueln zu sein, sicher und behaglich. Kurze Zeit später bleibe ich im Fernsehen bei einer Doku über das große Kanto-Erdbeben in Japan hängen. Ein Zug hält auf einer Brücke, dahinter ragt ein majestätisches Gebirge auf. Dann eine alte Kameraaufnahme von den Insassen, alte, ehrwürdige Frauen mit hochgesteckten Haaren und eleganten Kimonos. Die Brücke wackelt, hält dem Beben aber stand. Plötzlich passiert das Unfassbare: Hoch über der Brücke lösen sich Gesteinsmassen und Schlamm und formen eine riesige Lawine, die den Zug von der Seite trifft und in den Abgrund reißt. In den nächsten eineinhalb Stunden verfolge ich mit einer Mischung aus Grauen und Faszination mit, wie sich buchstäblich alle Elemente gegen die Japaner verschwören und Tokio und Yokohama dem Erdboden gleichmachen.

Ist die Sicherheit, die wir in der Natur verspüren, nur eine Illusion? Schließlich sind schon mehrere Bergsteiger am Untersberg abgestürzt, der letzte erst wieder im Mai. Hängen die Mysterien, die sich um den Berg ranken, vielleicht sehr eng mit der Natur selbst zusammen, die ihre Opfer fordert (z.B. die angeblich verschwundenen Menschen), mit der Ehrfurcht, mit der diejenigen ihr begegnen, die um ihre unterschätzten Kräfte wissen?

„Der Berg zeigt einem seine Grenzen auf“, meint eine ältere Frau zu uns, die sich wie wir an eine Gipfelbesteigung gewagt hat. Das trifft wahrscheinlich in mehrerlei Hinsicht zu.

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„Esoterische“ Reisen durch China: https://laemmchenblog.wordpress.com/2016/06/04/neuigkeiten-aus-dem-reich-der-mitte-teil-1/

https://laemmchenblog.wordpress.com/2016/06/19/neuigkeiten-aus-dem-reich-der-mitte-teil-2/

Über Mythen:

https://laemmchenblog.wordpress.com/2017/06/15/das-schlusslicht-10/

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2 Gedanken zu “Grenzgänge am Untersberg

    1. Hallo Daniel, das was ich im Beitrag beschrieben hab, kann man alles ansehen, ins Nixloch kann man auch rein. Ins Karlsohr allerdings nicht so ohne Weiteres, und ich fürchte, das gilt für die Mehrzahl der (über 200!) Höhlen im Untersberg. Trotzdem ist er eine Reise wert 😉

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