Das Schlusslicht #11

Das Schlusslicht scheint in letzter Zeit mehr und mehr eine zusammenhängende Artikelserie zu werden, und zwar darüber, wie sich meine immer schon vorhandene Affinität zur Popkultur mit dem neu gefundenen Interesse für spirituelle Themen verbindet. Das zeigt, dass der (kreativ tätige) Mensch eben immer zum Narrativ tendiert – längst spukt auch eine Romanidee zu dem Thema in meinem Kopf herum (wobei ich erst einmal mein zweites Projekt vollenden müsste). Gerade bin ich dabei, mich wieder neu in das Genre „Fantasy und Mystery“ einzulesen, das ich lange Zeit vernachlässigt habe.

In meinem Literaturstudium spielte diese Art von Literatur, wie man sich vorstellen kann, eher eine untergeordnete Rolle, aber immerhin lernte ich dadurch den „Magischen Realismus“ kennen, ein Genre, das mich nachhaltig prägen sollte. In den Erzählungen des realismo mágico bekommt man eine „normale“ Welt vorgesetzt, in der ab und an magische Dinge passieren – ein Konzept, das sich bis in die Jetztzeit hinein in vielen Romanen und Serien (Twin Peaks!) wiederfinden lässt. Schon immer habe ich mich nicht so sehr für die klassische Science-Fiction, Horror- oder Fantasyliteratur interessiert als für die Bücher, in denen so getan wird, als wäre alles „normal“ und in bester Ordnung, bis dann auf einmal die magische Welt in die Normalität hineinbricht und einem einen wohligen Schauer über den Rücken jagt. Vielleicht brauche ich einfach das Gefühl, dass diese Welt magisch aufgeladen sein könnte – reine Fantasy- oder Science Fiction-Stories sind dafür (für mich zumindest) ungeeignet, denn sie tragen ja bereits die Prämisse in sich, dass sie in einer anderen Wirklichkeit stattfinden. Wie immer ist es also nicht die Genreliteratur, die mich interessiert, sondern der raffinierte Genremix: Krimi mit Mystery-Elementen: sehr gut! – Krimi + Liebesroman mit Mystery-Elementen – noch besser.

Natürlich lese ich, um in den Genuss dieses „wohligen Schauers“ zu kommen, auch gerne von Vorfällen, die genauso in der „wirklichen Wirklichkeit“ stattgefunden haben sollen. Hier sind die beiden bisher erschienenen „Visionarium – Brevier“-Bände, eine Reihe, die von Radiomoderator und Verschwörungstheoretiker „Dr. Nachtstrom“ herausgegeben und von Mentaltrainer und Mythomagier Bernhard Reicher cheflektoriert wird, eine dankbare Quelle. Schauplätze sind düstere Hinterzimmer im Graz der 30er Jahre, in denen staubige Gläser auf Tischen gerückt werden, verwunschene Wälder Englands, in denen Schamanen und Neo-Druiden Baumrituale zelebrieren, und karibische Strände, wo Lagerfeuer die bunt angemalten Gesichter der Vooodoo-Priester erleuchten.

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Besonders interessant finde ich die Reportage rund um das Oujia-Brett, ein flaches Holzbrett, auf dem die Buchstaben des Alphabets und die Ziffern 0-9 aufgedruckt sind und durch das Geister mit den Normalsterblichen kommunizieren können. Auf diese Weise ließen sich bereits einige SchriftstellerInnen ihre Werke „diktieren“, so zum Beispiel Pearl Curran, die Kontakt mit einer gewissen „Patience Worth“ aus dem 17. Jahrhundert herstellte und deren Geschichten aufschrieb. Publikum und Kritiker attestierten dem Werk hohe literarische Qualität und listeten die Autorin – wohlgemerkt nicht Pearl Curran, sondern die tote Patience Worth! – im Jahr 1918 als eine der herausragendsten Autorinnen des Jahres (Linguistische Untersuchungen ergaben allerdings später, dass das Englisch in den Werken Patience Worths nicht aus dem 17. Jahrhundert stammen konnte).

Inspirierend sind auch die Bezüge, die sich zwischen verschiedenen Schlüsselfiguren der spirituellen Szene herstellen lassen, so beispielsweise zwischen dem großen Magier Aleister Crowley, dem Raketenforscher Jack Parsons und dem Scientology-Gründer Ron Hubbard. Die Geschichte um diese drei Männer klingt, als könnte man daraus ein ganz passables Hollywood-Drama machen: angeregt von Crowleys Werken, beginnt Parsons einen Briefwechsel mit dem Magier und tritt dessen Orden bei. Weil er sich jedoch immer mehr von den hierarchischen Strukturen des Ordens behindert fühlt, beschließt er bald, „auf eigene Faust“ Magie zu betreiben und tut sich zu diesem Zweck mit Ron Hubbard zusammen. Er beschwört die „heilige Hure“, die „Mutter Erde“ Babalon herauf, wie sie Crowley in seinem Book of Law beschrieben hatte. Unterdessen, während Hubbard mit einem Auge Parsons magisches Treiben beobachtet, hat er das andere bereits auf seine Frau geworfen, mit der er samt einem guten Teil von Parsons Vermögen kurze Zeit später türmt. Parsons versteigt sich danach immer mehr in die dunkle Magie, beschwört immer und immer wieder die Hure Babalon herauf, in Ritualen, die ihn an den Rand seiner Kräfte bringen. Ende der 50er Jahre channelt Hubbard eine Botschaft: Babalon ernähre sich vom Tod männlicher Wesen und werde (noch vor ihrer Inkarnation) auch Parsons Leben fordern. Am 17. Juni 1952 schließlich findet man Jack Parsons halbtot auf dem Boden seines Laboratoriums; etwas war bei seinen Sprengstoff-Experimenten schief gegangen – oder hat Babalon wirklich ihren Tribut gefordert?

Die Zutaten für eine gute Geschichte sind vorhanden: ein Wissenschaftler, der nach etwas Höherem in den Gesetzen der Physik sucht und sich schließlich in der Schwarzen Magie verstrickt, ein angeblicher Freund, der ihn jedoch nur manipulieren und ausnutzen will, eine betörende Frau, die zum Zentrum eines Eifersuchtsdramas wird. Mit einem Schuss Verschwörungstheorie wird das Ganze noch pikanter: Parsons soll in seinem Unternehmen „JPL“ einige Teilnehmer des „Project Paperclip“ beschäftigt haben – jenes Projekt, das sich um die Integration von Ex-Nazis (u.a. Wernher von Braun) in US-Raum- und Luftfahrtunternehmen kümmerte. Wurde Crowleys Orden über das Einfallstor von Parsons` Firma von diesen unterwandert? Hat Parsons ein Tor zur „Hölle“ geöffnet und lässt sich dadurch die US-amerikanische UFO-Sichtungswelle erklären, die nach seinem Tod begann? (In einem meiner nächsten Artikel werde ich darüber schreiben, was das alles auch mit der neuen Staffel von Twin Peaks zu tun haben könnte.)

Auch eine Gestalt, die ich selbst im Moment literarisch verwerte, begegnet mir im Visionarium wieder: Edward Williams, ein selbsternannter Neo-Druide aus dem 18. Jahrhundert. Auch das anschließende Interview mit einem „lebenden“ Druiden Philipp Carr-Gomm ist interessant: er berichtet von seinem Werdegang und davon, dass der Weg zur Magie ein Lernprozess ist wie jeder andere auch: „Sobald du die Idee der Erleuchtung einführst, legst du die Vorstellung eines Moments nahe, der sich in der Zukunft befindet. Und alles, was ab jetzt geschieht, ist unbefriedigend… Du bist also permanent unzufrieden – was manchmal gut ist, weil es dir den nötigen Tritt in den Hintern verpassen kann…“ (Das erinnert mich doch stark ans Schreiben und ans Übersetzen). Erst als ihm sein Mentor in einer Vision erscheint und ihn beauftragt, all seine Werke zusammenzutragen und zu studieren, gerät sein Leben allmählich auf das richtige spirituelle Gleis. Das Interview liefert mir auch einen neuen Gedankenanstoß in Bezug auf das kreative Tätigsein an sich: Wir schöpfen Geschichten nicht nur aus dem eigenen Unbewussten, sondern auch aus dem kollektiven Unbewussten. Carr-Gomm meint dazu:

„Wenn du an jemanden denkst, der eine sehr schwierige Kindheit hatte, mit diversen Traumata und Konflikten, kann er entweder das Opfer all dessen sein und sich extrem oder gefährlich verhalten, dann ist er seinen Geschichten ausgeliefert. Oder er kann in eine Beziehung zu ihnen treten und [es] auf irgendeine Weise […] ins Bewußtsein zu integrieren und eine weise und reifere Art […] entwickeln, in der Welt zu sein und ihre Geschichte zum Besseren zu wandeln, für sich und für andere.“

Kann die Art und Weise, wie ich schriftstellerisch mit meinen Dämonen umgehe, also auch indirekt andere Menschen beeinflussen, indem ich meine Erfahrung einem riesigen unterbewussten Pool zufüge? Das erinnert mich sofort wieder an Jeffrey Kripal und sein Dogma „Heal the world by writing a better story“. In diesem Fall könnte man sogar sagen „Heal yourself and the world by writing a better story“.

An den drei Narrativen, die ich hier aufgeführt habe, merkt man schon, in wie viele Richtungen einem die Visionarium Brevier-Bände Denkanstöße geben können. Leider sind die Reportagen und Interviews, die mich auf die ein oder andere Weise inspiriert haben, so zahlreich, dass ich sie hier nicht alle auflisten kann – wer selbst nachlesen will, dem seien die beiden Bände wärmstens ans Herz gelegt.

 

Erwähnte Reportagen und Interviews:

  • Im Rampenlicht: Die Geister diktieren – Experimente mit dem Ouija-Brett (Autoren: Bernhard Reicher und Dr. Nachtstrom) (Visionarium Brevier Band 1)
  • Portrait: Jack Parsons & dämonische UFOs der Endzeit (Autor: Daniel Krcal) (Visionarium Brevier Band 2)
  • Die magische Landschaft knapp unter der Oberfläche. Bernhard Reicher im Gespräch mit Philip Carr-Gomm (Visionarium Brevier Band 2)

 

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