Leseimpressionen: Thomas Glavinic

Mich persönlich hat der neueste Roman von Thomas Glavinic, Der Jonas-Komplex, etwas zwiegespalten zurückgelassen. Die Schilderungen der Kindheit eines der Protagonisten in der Steiermark haben mir sehr gut gefallen, ebenso die Tiraden des kokainsüchtigen gegenwärtigen Ichs. (Inwiefern die beiden zusammenhängen, bleibt wohl der Fantasie des Lesers überlassen.) Mit den Kapiteln über Jonas, den erlebnissüchtigen Yuppie, der in früheren Werken schon auftaucht, konnte ich mich weniger anfreunden – zu konstruiert wirkte die ganze Sache, zu kaltschnäuzig die Protagonisten, für mich fehlte auch der Bezug zu den anderen Romanebenen. Dennoch insgesamt ein unterhaltsamer und stellenweise tiefgründiger Querschnitt durch die Leben drei verschiedener Außenseiter.

Hier eine Auswahl meiner Lieblingsstellen aus dem Roman.

 

„Ja. Nein. Keine Ahnung. Ich musste nur daran denken, wie wenige Menschen es gibt, die wirklich zu einem gehören.“

„Das stimmt. Und auf die muss man aufpassen.“

„Wie passt man auf andere auf?“

„Indem man auf sich selbst aufpasst.“

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Die Nüchternheit reißt mich mit. Man sollte annehmen, dass man nüchtern fest dasteht und dann vom Rausch mitgerissen wird, doch bei mir ist es umgekehrt. Im Rausch war ich an einem bekannten Ort. Jetzt, in der Klarheit, dringen von überallher Gedanken und Erinnerungen auf mich ein.

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Erwachsene haben eine Gabe, Kindern mit Floskeln den Nerv zu ziehen. Kaum etwas auf der Welt lässt einen die Einsamkeit stärker spüren als das Nichts, das sich hinter solchen Sätzen verbirgt. Erwachsene vergessen so schnell, dass Kinder keine Kinder sind.

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[…] schon wieder den Tag vernebelt und verstaubt und in die ewige Nacht geschossen. … Ich verwüste mein Leben. Ich blase meine Tage in einen Ventilator. Nichts bleibt von ihnen.

The End of the F***ing World

 

Ich bin 13, und schon jetzt ist so viel vorbei oder nicht mehr möglich. Zum Beispiel werde ich kein Kolumbianer mehr werden. Oder Italiener. Oder so.

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Zwischen 1. Januar und 31. Dezember erlebt man jedes Jahr das Datum des Tages, an dem man sterben wird. Nur die Jahreszahl stimmt nicht. Bis sie dann stimmt.

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Verlieben ist leicht. Lieben ist eine Entscheidung.

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(Filmstills aus der netten Netflix-Miniserie The End of the F***ing World)

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