In the 0-Zone – Teil 1

Eine SETZ`sche Betrachtung

16.3. Freitag.

6:50 Sitzen im Flixbus zur Buchmesse nach Leipzig. Ich freue mich auf die gewaltige Ansammlung von Buchstaben, auf die Stadt und auf Clemens SETZ – ob nun körperlich oder als Roboter anwesend. Während sich die Autobahn wie ein Schreibmaschinenband vor dem Bus ausrollt, beginnt es in mir zu schreiben.

10:30 Wieso können wir eigentlich nicht noch 50 Jahre älter werden? Der Verwesungsgrad unseres Körpers mit 80 ist doch noch lange nicht so gravierend. Die Furchen könnten noch tiefer sein, die Blutbahnen langsamer, die Muskeln könnten theoretisch erschlaffen, bis sie herabhängen wie unser Fleisch. Und das Bewusstsein kann ohnehin ausgelagert werden.

13:05 Der leichte Schneeregen hat sich mittlerweile zu dichten Flocken verklumpt. Als wir am Leipziger Hauptbahnhof aus dem Bus steigen, haut es uns die ganze Chose erstmal ins Gesicht.

13:55 Ich falle wie ein nasser Sack durch die Tür der Pension. Die Vermieterin beäugt mich skeptisch und meint Dö hamse mir ja een schönes Wetter mitjebracht. Sie sieht in mir offensichtlich ein Zauberwesen, das alle natürlichen Vorgänge draußen steuern kann. Eine Art Wettergöttin. Oder einfach nur die Bedrohung aus dem Westen.

14:25 Als ich die Vermieterin nach dem WLAN-Passwort frage, überlegt sie einen Moment, so als blättere sie in ihrem innerem Fremdwörterbuch. Es stellt sich heraus, dass es hier kein WLAN gibt, „zu teuer“. Ein WLAN-freier Raum, da fühlt man sich so komisch wie in den kleinen Zonen zwischen Grenzübergängen, die zu keinem Land gehören.

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14:55 Wieder Straßenbahn. Halt bei „Hornbach Baumarkt“. In Leipzig gibt’s wohl wenig Sehenswertes, deshalb müssen Baumärkte als Namensgeber für Haltestellen herhalten.

15:30 Als ich endlich auf der Buchmesse und zum gewünschten Stand komme, ist SETZ natürlich weg. Frustriert texte ich meiner Freundin, die daraufhin lässig antwortet: Clemens Setz? Der ist nachher hier. Clemens Setz: 17 Uhr. Ich führe innerlich einen Jubeltanz auf und wundere mich, wieso diese Nachricht nicht auch die Menschen um mich herum in Freudentränen ausbrechen lässt.

17:25 Gut 20 Sekunden lang befanden sich die Atome von Clemens SETZ und mir auf demselben Punkt des Raum-Zeit-Kontinuums, waren denselben Witterungsbedingungen ausgeSETZt. Ich hatte mit schlimmeren Symptomen wie Zittern, Übelkeit oder Fröschekotzen gerechnet, einer Art Kernreaktion, aber eigentlich ging alles ganz schnell. Das Molekül „Clemens SETZ“ wirkte abgespannt, müde und alt. Es hatte nicht einmal die Kraft, den Stift fest genug aufzudrücken, sodass über dem gut lesbaren „SETZ“ jetzt ein blässlicher „Clemens“ steht, so einer, der im Sportunterricht immer gehänselt wurde.

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17:30 Leichte Gewissensbisse. Vermutlich ist der eh schon abgespannt wirkende SETZ jetzt auch noch mit einem unguten Gefühl nach Hause gefahren, weil mein Stift nicht richtig funktioniert hat. Vielleicht mit dieser Art von „aurigem“ Gefühl, das er in seinem letzten Roman beschrieben hat. Da ist der nächste Anfall nicht weit.

20:00 In der Wohnung einer Freundin von G. Die Mitbewohner haben einen Blog, der sich mit Ratten, Enten und Fantasy beschäftigt. Hier in Leipzig kann man leben wie ein Kind.

20:45 Bei einer Fantasy-Lesung in einem Gothic Klub in der Innenstadt. Natürlich sind wieder Sachen im Stil von Game of Thrones dabei. Inklusive Untermalung mit peinlichem Mittelalter-Geklampfe. Man möchte die Damen und Herren mit den Gitarrensaiten strangulieren. Einer ist dabei, der einen Text über Psychiatrieinsassen liest. Nach der Lesung gehe ich zu ihm hin und sage ihm mit schwärmerischem Blick, wie toll sein Text war. Da Clemens SETZ scheinbar nicht empfänglich für irgendwelche Schwärmereien war, kriegt sie jetzt eben ein anderer ab.

17.3. Samstag.

10:40 Manche Leipziger Straßenbahnen sind lustig bedruckt, mit Blümchen oder Ähnlichem. Ich will in so eine einsteigen. Leider muss ich in eine entSETZlich langweilige einsteigen.

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11:35 Bin bei einer emotionalen Lesung einer jungen Kurzgeschichtenautorin (Josephine Preuss – Im Enddefekt), die ihren Schmerz als das Absolute SETZt. Da war ich auch mal, vor ein paar Jahren. Danach bei einem Vortrag zum Thema „Genre schreiben: Krimi und Thriller“. Ein paar lenkende Ideen für mein nächstes Schreibprojekt. Eine der Autorinnen auf der Bühne meint, sie spreche regelmäßig mit ihren Figuren, auch dann, wenn sie nicht schreibt. Ich überlege, ob ich das auch machen soll. Andererseits habe ich dann gar keine Quality-Me-Time mehr.

13:05 „Bücherfrühling“ beim Deutschlandfunk-Stand. Über den Köpfen der Menschen bedeckt der Schnee langsam die kleinen Fensterquadrate der Glashallenkuppel, wie bei einem Grafikfehler, der sich langsam auf dem Bildschirm ausbreitet. Durchschnittsalter des Publikums: 60. (Ich habe den Verdacht, dass viele sich hier einfach nur hinSETZen, um ein bisschen auszuruhen.) Auch die Autoren vorne reden über alte Leute, über ihre Eltern, die irgendwelche Nachkriegsschauerlichkeiten überlebt haben. Keine Nazizeit-Moralkeule mehr, aber die Leute haben das solidarische Nicken und das Lächeln mit Trauerrand noch drauf.

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13:55 Norbert Gstrein sagt, der Roman „schwäche sich jeden Tag selbst“, mit jedem weiteren Werk, das geschrieben würde. Auch bei ihm eine Art Überdruss, wie bei SETZ, der im Gespräch meinte, er wolle „das hier“ nicht bis zu seinem Lebensende machen. Aber was will er dann machen? Er hat Lehramt studiert, aber kein Direktor, der seine Bücher gelesen hat, würde ihn als Lehrer anstellen.

14:25 Mal kurz in der Comic Con-Halle. Je länger man sich zwischen all den Cosplayern aufhält, desto unnormaler, ja paradoxerweise unmenschlicher, fühlt man sich.

17:05 Bei einem Vortrag von Holger Volland über die „Kreative Macht der Maschinen“. Ich wusste nicht, dass Facebook anhand der Daten, mit dem wir es füttern (auch Nachrichten an Freunde), bereits Psychogramme seiner Nutzer erstellen kann.

Clemens SETZ hat sich ja bei seinem Autorengespräch für Künstliche Intelligenz stark gemacht, so in der Martin-Luther-King-Art: „Ich habe einen Traum, dass eines Tages meine vier kleinen Haushaltsroboter in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrem Äußeren, sondern nach dem Inhalt ihres Prozessors beurteilt werden!“

20:15 In der hübschen Leipziger Bahnhofsbuchhandlung. Ein Artikel über Clemens SETZ in der Spex, die ich früher so gern gelesen hab! Er ist also schon Teil der Popkultur geworden. Die Essenz des Artikels: SETZ wünscht sich Gespräche ohne Autoren, Literatur ohne Schriftsteller, eigentlich eine Welt ohne Menschen.

20:20 Und eine chinesische Zeitung titelt „Künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch“. Alles kommt zusammen.

21:35 Zuhause. Mist, mein Kopf hat sich im Kleidausschnitt verhakt, weil ich den obersten Knopf vorher nicht aufgemacht hab. Wäre jetzt schon ironisch, wenn ich mir so das Genick brechen würde, und nicht, wie eher vermutet, draußen auf den eisglatten Straßen. So Six-Feet-Under-mäßig. Würde aber passen. Die vom Krimi-Seminar heute meinten doch, dass einem die besten Plotideen immer im Alltag kämen.

22:45 Jetzt mal tatsächlich in den neuen SETZ reingelesen. Zum ersten Mal seit langem bei der Lektüre gelacht. Und das Beste: Auf dem Cover ist ein Schaf, das aus seiner eigenen Wolle Socken strickt. War das schon immer da oder ist es entstanden, weil ich es wollte?

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2:35 Meine Snacktüten schlafen neben mir. Eine ist in den Spalt zwischen Bett und Wand geglitten, wie ein ungeliebtes Stofftier.

In der Ferne höre ich etwas anbranden, kurz darauf verstummen. Eine bestimmte Sorte von Nachtgeräuschen, deren Ursprung ich mir nie erklären kann, tritt auch hier auf. Mein Bewusstsein schlägt Wellen und SETZt dann aus.

Ein Gedanke zu “In the 0-Zone – Teil 1

  1. GeSETZt den Fall, man ginge auf die Buchmesse, weil man weiter auf das Buch als solches SETZt, SETZte dann ein Glücksgefühl oder Gewühlgefühl oder GeSETZtheitsgefühl oder Marktgefühl oder Schwirrgefühl ob der Menge an neuer Literatur ein ? Mir scheint am ehesten, dass es schwirrt und sich erst im Nachhinein auf dem Nachhauseweg SETZt und in einSETZenden Diskussionen oder in ausSETZenden Bewusstheitsgraden oder in introvertiertem Wiedererkennen oder in extrovertiertem Schwärmcharme äußert. Erst im Stehen, Stunde um Stunde, die beSETZende Menge der Menge und dann im HinSETZen, zu vorgerückter Stunde, das aufkeimende Licht und siehe da : es werde Wort …

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