In the 0-Zone – Teil 2

Eine SETZ`sche Betrachtung

18.3. Sonntag.

8:30 Heute sollte ich mein Haar nicht so über eine Schulter werfen wie gestern, sonst bekommt mein Gehirn wieder Schlagseite.

9:55 Aus irgendeinem Grund finde ich Eckbalkone traurig.

Eckbalkon

10:05 In dieser Pension wird echt an allem gespart, der Fernseher funktioniert nicht und der Bewegungsmelder sorgt dafür, dass das Licht nur so lange an bleibt, dass man gerade genug Zeit hat, seinen Schlüssel in einem heroischen Akt ins Schloss zu stoßen und einmal umzudrehen.

10:25 Beim Liebknecht-Platz findet sich interessante Architektur, zum Beispiel ein riesiges kollosseumartiges Gebäude. Sieht aus wie zwei riesige Kochtöpfe, einer mit, einer ohne Deckel.

Panometer
(www.panometer.de)

10:30 In Leipzig gibt es bestimmt viele Thomassons, diese kleinen Vorrichtungen in Städten, die scheinbar ihren Zweck verloren haben und die SETZ so faszinieren. Sozialistische Thomassons. Auch das Panometer ist ja eigentlich ein riesiger Thomasson, der seinen ursprünglichen Zweck – die Aufbewahrung von Gas – verloren hat. Jetzt werden dort riesige Bilder von Schiffsunglücken an die Wand geworfen.

10:45 Einer Cosplayerin fällt eine rote Schleife aus dem Haar und landet grazil im frischen weißen Schnee. Das sieht schön aus und ich muss an sämtliche Grimm-Märchen gleichzeitig denken.

11:10 Heute fast so viele Menschen wie gestern. Sie laufen in den schlauchförmigen Gängen zwischen den Hallen wie in den Eingeweiden eines Ungeheuers.

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12:05 Mal was Chinesisches auf der Buchmesse: Viktor Kalinke spricht über den daoistischen Philosophen Zhuangzi. Ein SETZ des Altertums sozusagen. „Die Worte sprudelten aus ihm hervor und trafen immer genau den richtigen Ton.“ Auch er ein Freund der kleinen Beobachtungen und Anekdoten. Meine Lieblingsgeschichte von ihm: Er träumt, er sei ein Schmetterling. Als er erwacht, fragt er sich: Bin ich nun ein Mensch, der träumte, er sein ein Schmetterling, oder bin ich in Wirklichkeit ein Schmetterling, der nun träumt, er sei ein Mensch?

12:45 Die Männer hier: Genau das richtige Mischmengenverhältnis aus Bart, Haaren und Hut.

13:15 Ist Clemens SETZ ein Psychopath? Seine Bücher werden in Japan dem „Sadomodernismus“ zugerechnet, Bekannte bezeichnen ihn als „Semi-Autist“. Aber nun zu denken „Es kommt wirklich alles zusammen“ würde wohl langsam an Paranoia grenzen.

14:05 Ich bin wirklich in der Nullzone. Draußen pendelt sich die Temperatur um 0 Grad herum ein. Auch die Postleitzahl von Leipzig beginnt mit einer Null, einer Leerstelle. Die Null, kein Plus, aber auch kein Minus, viele Möglichkeiten, von hier aus weiterzumachen. Die Leerstelle, die Möglichkeit, erSETZt zu werden, doch „vereinfacht euch nicht“, sagt mein Lieblingsautor. You`re a zero/What`s your name?/No one`s gonna ask you.

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18:10 Abendessen in Auerbachs Keller. Zum vielleicht zweiten Mal in meinem Leben Wildschweinbraten – etwas anderes zu essen verbietet die Atmosphäre hier. Hinter uns ein Zitat aus dem Faust an der Wand: „Was könnte da zum Unheil sich vereinen/Zur Finsternis, wo solche Sterne scheinen?“

Da fällt mir doch glatt wieder der SETZ ein, schicksalshafte Konstellationen: „Wie gut meiner Stirn dieser erste Stern am dämmrigen Abendhimmel tut.“

Oder die Flaming Lips: I don`t know where the sun beams end and the star lights begin.

Ich denke, der Höhepunkt ist erreicht. Kurzzeitige niederohmige Sternpunkterdung. Ab jetzt gleitet alles wieder ins Alltagsdenken zurück.

20:20 Beim Poetry Slam. Dass ich das noch mal erleben darf! Lieblingssatz des Abends: „Wer so ein Gesicht hat, braucht keine Mimik mehr!“ Übrigens brauchen wir evolutionär gesehen wirklich bald keine Mimik mehr: Je differenzierter unsere Sprache wird, desto mehr werden wir den Betrieb unserer Gesichtsmuskeln einstellen.

21:45 Gespräche über unmögliche Namen. Eine Freundin meint ganz entschieden: „Frauke – wie Frau mit nem Hammer dran.“ Wir sind uns einig, dass man im Internet Selbsthilfekurse für Menschen mit schrecklichen Namen anbieten sollte.

21:50 Ein Typ ruft in der fast leeren Leipziger Straßenbahn anklagend zu mir hinter „Das stinkt hier ganz schön nach Pisse!“ Ich erkläre ihm, dass sich zuvor ein Obdachloser dort hingeSETZt habe. Erst werde ich hier für das miese Wetter und dann für Gestank verantwortlich gemacht. Wenn mir das noch öfter passiert, könnte ich glatt eine „Not me“-Kampagne starten.

22:30 Schon wieder dasselbe Kleid-Hals-Problem wie gestern, diesmal nur mit einem anderen Kleid.

19.3. Montag.

10:35 In Leipzig fühlt es sich zumindest mal so an, als würde man als einzelner Mensch auf der Straße einen Unterschied machen.

11:05 Frühstück im Bahnhofscafé und Lektüre des ZEIT-Literaturteils. Andauerndes Wohlgefühl. Die Kuchenkrümel fege ich nach jedem Hineinstechen mit der Gabel wieder zum Kuchen hin, damit es ordentlicher aussieht und das Wohlgefühl bleibt.

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11:10 Shame on me, ich habe “Karottenkuchen“ statt „Rübli“ gesagt. Schöner Satz in der ZEIT: „Aristokratisch ist aber keine Klasseneigenschaft mehr, kein Herkunftsprivileg, sondern eine Haltung: sich von der Banalität der Wirklichkeit nicht runterziehen zu lassen, sondern das Leben mit Stolz und Sinn für Schönheit zu leben.“

11:15 Auch schön: In Kopenhagen gibt es ein „Center for Information and Bubble Studies“.

11:20 Leider übersehen, dass die Museen montags zu haben. Dann eben gleich nach Hause. Das Wohlgefühl ist noch da und der Leipzig-Trip fühlt sich auch ohne Museumsbesuch rund genug an.

12:10 Im Zug. Gerade noch der Versuchung widerstanden, doch noch schnell der Nase nach zu einer der Bratwurstbuden zu hechten, die auch im Leipziger Bahnhof an jeder Ecke stehen.

12:35 Ein paar Kilometer weiter im Südwesten tragen die Menschen schon wieder kurze Hosen.

13:10 Sitze im Ausstiegsbereich zwischen den Abteilen, weil alles voll. Mittendrin immer ein Geräusch, als würde der Zug über Hirschgeweihe rattern.

13:30 Ein halbwegs unbeSETZtes Ruheabteil gefunden. Das Licht hier hat diesen Sepiaton, der sich gut für die Coverbilder französischer Romane eignet.

14:00 Langsames Abgleiten in den Schlaf. Irgendwo im Hinterkopf ist da eine neue Stadt, um die man besorgt sein muss, wie um einen neuen Menschen im Leben. Ist es ihr immer noch kalt? Wurde sie von neuem politischen Aufruhr heimgesucht? Haben sich wieder ein paar Baustellen gebildet wie Mitesser?

Ich hoffe, es geht dir gut, Leipzig.

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